Der vorliegende Artikel analysiert die Prozesse der Fiktionalisierung des persönlichen und kollektiven Gedächtnisses im Werk von Günter Grass. Als Korpus dienen die Danziger Trilogie – bestehend aus Die Blechtrommel (1959), Katz und Maus (1961) und Hundejahre (1963) – sowie der Erinnerungsband Beim Häuten der Zwiebel (2006). Ziel ist es zu untersuchen, wie der Autor individuelles Gedächtnis, Fiktion und Zeugnisgehalt in der Konstituierung einer Erzählung verknüpft, die zum kulturellen Gedächtnis Deutschlands im Kontext der Nachkriegszeit beiträgt. Methodisch geht die Arbeit von einer narratologischen Analyse der Erzählstimmen und der Erinnerungsprozesse in den Werken aus, die mit Wolfgang Isers Theorie der Akte des Fingierens, dem Begriff des kulturellen Gedächtnisses bei Aleida und Jan Assmann, Marianne Hirschs Konzept der Postmemory sowie den Beiträgen der Zeugnistheorie von Jeanne Marie Gagnebin und Márcio Seligmann-Silva verknüpft wird. Es wird argumentiert, dass Grass, indem er die Erinnerungen an die NS-Zeit in Fiktion verwandelt, Erzähler konstruiert, die Schuld und den Zwang zur Erinnerung als Bedingung für die kollektive Aufarbeitung der traumatischen Vergangenheit performieren und damit entscheidend zum Projekt der Vergangenheitsbewältigung in der deutschen Nachkriegsliteratur beitragen.