Zusammenfassung: So kompakt die Kinder- und Hausmärchen von Jacob und Wilhelm Grimm auch erscheinen mögen, enthalten sie zahlreiche Elemente, die ihre Erzählungen komplexer machen: Hunger, Grausamkeit, Ungehorsam und das Vergehen der Zeit. Werden insbesondere das Böse und die Zeitdimension miteinander verbunden, eröffnet sich eine bislang wenig erforschte Lesart: die enge Beziehung zwischen der Boshaftigkeit der Antagonisten und der Erfahrung von Zeit. In „Schneewittchen“ (1812) verlangt die Königin den sofortigen Tod der Prinzessin; in „Rotkäppchen“ (1812) verschlingt der hungrige Wolf die Großmutter ohne Zögern; in „Hänsel und Gretel“ (1812) wollen die Eltern ihre Kinder möglichst schnell loswerden. Der vorliegende Beitrag untersucht die grausamen Handlungen der antagonistischen Figuren und zeigt, wie sie mit einer Zeitvorstellung verbunden sind, die von Unmittelbarkeit und Beschleunigung geprägt ist. Dabei werden theoretische Ansätze und ausgewählte textuelle Strategien der genannten Märchen analysiert, um die Verbindung von Grausamkeit und Beschleunigung sichtbar zu machen.
Schlüsselwörter: Gebrüder Grimm; Kindermärchen; Antagonisten; Horror; Zeit.