Menschsein als Antwort auf die Probleme der Menschen in der Gegenwart? Dieser Ansatz wird in dem Roman Über Menschen (2021) von Juli Zeh anhand einer fiktiven Geschichte formuliert und ausgearbeitet. Über Menschen identifiziert zunächst einen postmodernen Dualismus in der Gesellschaft, der im Roman überwunden wird - rechts-links. Dieser Dualismus lässt sich als der postmoderne Konflikt zwischen den von Reckwitz identifizierten Typen von Kulturalisierungsregimen und ihren grundlegenden Leitsemantiken identifizieren. Ein Raum der Reflexion über politische Differenz stellt das kommunikative, soziale Mittel zur Überwindung dieses Konflikts dar. Widersprüche scheinen dem Roman jedoch inhärent zu sein. Das zumindest ist die These der folgenden anthropologisch-literatursoziologischen Analyse. Die Argumentation stützt sich zunächst auf eine historisch-soziologische Einordnung des Romans. Ausgehend von Helmuth Plessners exzentrischer Positionalität und Peter V. Zimas Soziolekten werden die Widersprüche erörtert, die sich mit der Sozialstruktur der Postmoderne verschränken. Es wird gezeigt, dass der Reflexionsraum der politischen Differenz, in dem sich die Protagonisten treffen, eine leere Hülle ist. Der Reflexionsraum wird dem Leser suggeriert, aber von den Figuren des Romans nicht in Anspruch genommen. Die weibliche Protagonistin, Vertreterin der führenden Semantik der Mentalität der Offenheit und des Kosmopolitismus, wird mit den Soziolekten beider Arten von Kulturalisierungsregimen in Verbindung gebracht, die jedoch in zwei verschiedenen Dimensionen, dem gesprochenen Wort und den Gedanken, identifiziert werden können. Der männliche Protagonist, Repräsentant der Leitsemantik der Mentalität der Einheit und des Essentialismus, ist immer im richtigen ideologischen Soziolekt positioniert. Die Menschlichkeit, die in der Toleranz ihren weltlichen Ausdruck findet, scheint in der weiblichen Protagonistin zu finden zu sein, doch findet der Roman keine Möglichkeit für den männlichen Protagonisten, die - aus seiner Sicht - antagnonistische Positionierung der weiblichen Protagonsit zu verstehen und sich der Toleranz zuzuwenden, wie es sich aus seiner Positionierung ergeben würde. Eine abschließende Diskussion befasst sich mit dem Reiz des Menschseins, der Toleranz, die sich im Roman in einem 'Trotzdem' wiederfindet. Wie funktioniert die politische Toleranz, welche Strukturen stützt sie und wo sind ihre Grenzen? Die Antwort wird dort zu finden sein, wo die Ausübung von Toleranz gleichzeitig die Aufhebung des Wesens der Toleranz in sich birgt.