Schulze

Konzepte von Physiognomie und Rasse bei Martius

Frederik Schulze



1 Einleitung
2 Systematisierte Erkenntnis
3 Physiognomie und Rasse
4 Physiognomik und Interpretation
5 Zusammenfassung
Notas

ABSTRACT

This article analyzes the concept of race and ethnographic description used by the bavarian botanist Carl Friedrich Philipp von Martius in his publications on Brazil. Principally Blumenbach’s and Meiners’ racial theories and the concept of physiognomy are applied to explain Martius’ strategies to describe and classify the indigenous people he came across during his voyage to Brazil.

Keywords:race; Martius; Blumenbach; Meiners


1 Einleitung

    “Sie sind von mittlerer, ziemlich schlanker Statur, keineswegs von starker Leibesbeschaffenheit, von hellbrauner Farbe, tragen das Haar schlicht und unbeschnitten […]. Sie sind indolent, faul und träumerisch, stumpf für den Antrieb anderer als der niedrigsten Leidenschaften, und stellen auch in ihren kleinlichen Gesichtszügen diesen Zustand von moralischer Verkümmerung dar.”[1]

Diese Beschreibung zweier indigener Völker aus Brasilien, der Carirís und der Sabujás, stammt von Carl Friedrich Philipp von Martius (1794-1868), der als wichtigster deutschsprachiger Brasilienreisender des frühen 19. Jahrhunderts gilt und der vor allem für seine Verdienste auf dem Gebiet der Botanik, aber auch der beginnenden Ethnologie gerühmt wird. Als Botaniker unternahm der Bayer im Auftrag von König Maximilian von Bayern zusammen mit dem schweizer Zoologen Johann Baptist von Spix (1781-1826) eine mehrjährige Brasilienreise, die in den Jahren 1817 bis 1820 nach dem brasilianischen Südosten, Nordosten und dann vor allem nach der Amazonasregion führte. Bis zu seinem Tode beschäftigte Martius sich mit der Auswertung der in die Heimat verbrachten Pflanzensammlung, und neben einem ausführlichen, vierbändigen Reisebericht,[2] den er anfangs gemeinsam mit Spix, nach dessen Ableben 1826 ab Kapitel drei des zweiten Bandes alleine verfertigte, entstanden zahlreiche naturwissenschaftliche, aber auch ethnographische Werke.

In Anbetracht der eingangs zitierten Beschreibung indigener Völker, die nicht nur auf körperliche, sondern auch auf charakterliche Merkmale abzielt, stellt sich die Frage, auf welche theoretischen Grundlagen Martius bei seiner Beschreibung der Anderen zurückgriff und wie seine Beschreibungen zu bewerten sind. Im folgenden Aufsatz soll Martius’ Konzept von Physiognomie und Rasse im Blickpunkt stehen. Forschungsbeiträge, die sich zu Martius äußern, fielen in der Vergangenheit oft durch einen eher verklärenden Duktus auf, der Martius’ Leistungen hervorhebt, problematische Inhalte in dessen Werk aber wenig beachtet.[3] Erst 1997 hat Karen Lisboa die erste kritische Studie zum Reisebericht vorgelegt.[4] Lisboa analysiert zwar die wichtigsten Grundlinien von Martius’ Rassenbegriff, doch bleibt die von ihr angestellte Verbindung zu Blumenbach, dem damals führenden deutschsprachigen Rassentheoretiker, eher vage. Auch geht sie wenig auf die physiognomischen Beschreibungen der Indigenen ein. Ein Abgleich von Martius’ Rassenbegriff mit Blumenbachs rassentheoretischen Ausführungen soll im vorliegenden Aufsatz diesen Punkt stärker reflektieren, Martius in den zeitgenössischen Rassediskurs einordnen und somit verdeutlichen, an welchen Stellen sich die von Martius vorgenommenen physiognomischen Beschreibungen als starres Abarbeiten europäischer Denkmuster und Systematisierungsschemata lesen lassen. In einem zweiten Punkt soll die Frage gestellt werden, ob Martius weitere Vorbilder hatte und der Physiognomik zuzuordnen ist, welche charakterliche Bewertungen der Anderen aufgrund von äußerlichen Merkmalen trifft.

2 Systematisierte Erkenntnis

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts verfestigte sich eine “aufklärerische” Naturwissenschaft, die auf die Systematisierung und “objektive” Beschreibung der “Ordnung der Welt” aus war. Dabei entwickelte sich auch eine zunächst naturwissenschaftlich geprägte Rassentheorie, die “klimatisch-geographische, historisch-politische und natürlich-körperliche Aspekte”[5] in der Analyse vereinte. Der Schwede Carl von Linné (1707-1778) hat 1735 erstmals in großem Stil Pflanzen und Tiere in verschiedene Gattungen unterteilt, diese aufgelistet und beschrieben und schließlich den Menschen, den er in vier Rassen unterteilte (Americanus, Europaeus, Asiaticus, Afer),[6]in jenes System eingeordnet.

Der Literaturwissenschaftler Peter Brenner hat auf eine parallel, um 1800 stattfindende “‘Institutionalisierung’ des wissenschaftlichen Reisens”[7] hingewiesen, in dessen Rahmen die biologischen Systematiken erprobt und erweitert wurden. Hier reihen sich Martius und Spix ein. Beide Forscher, Martius als Botaniker und Spix als Zoologe, waren mit der Klassifizierung der Lebewesen nach Linné bestens vertraut. Spix war Konservator der Zoologisch-Zootomischen Sammlung der Königlich-Bayerischen Akademie der Wissenschaften und half in diesem Rahmen bei der Erwerbung der Sammlung des Linné-Schülers Johann Christian von Schreber (1739-1810).[8] Martius, ein Schreber-Schüler, war ein Anhänger von Linné[9] und zelebrierte sogar dessen Geburtstage mit seinen Studenten.[10]So nimmt es nicht wunder, dass der Reisebericht der beiden von der Linné’schen Systematik und Nomenklatur stark geprägt ist, wie Karen Lisboa anmerkt.[11] Die Klassifizierung der brasilianischen Flora sollte schließlich Martius’ Lebensaufgabe werden.

Der “Biosystematiker”[12] Martius und sein Kollege Spix hatten in der Tat die “Erfassung des gesamten Lebens zum Ziel: der Pflanzen, der Tiere und der Menschen”,[13] wie im Vorwort des Reiseberichts deutlich wird:

    Dr. Spix, als Zoolog, verpflichtete sich, das gesammte Thierreich zum Gegenstande seiner Beobachtungen und Beschäftigungen zu machen. In dieser Beziehung hatte er Alles, was den Menschen, den Ureinwohner sowohl als den Eingewanderten, seine klimatischen Verschiedenheiten, seinen körperlichen und geistigen Zustand u. s. w. betrifft; den äußeren und inneren Bau der daselbst lebenden Thiere aller Klassen […] zu beachten. – Dr. Martius, als Botaniker, übernahm die Bestimmung, die tropische Pflanzenwelt in ihrer ganzen Ausdehnung zu erforschen. [14]

Somit stellen physiognomische Beschreibungen der Pflanzen, Tiere und gar der Landschaft einen wesentlichen Inhalt des Reiseberichts dar. Auch der Mensch wird einer vermeintlich objektiven physiognomischen Klassifizierung unterworfen, was Martius und Spix folgendermaßen begründen:

    erlassen von Tradition, Geschichte oder geschichtlichen Documenten bleibt dem Forscher über diese Naturmenschen nur die Beobachtung des Körperbaues, der bestehenden Gebräuche und vorzüglich die der Sprache übrig, um daraus von physischer und psychischer Seite den Rang ihrer Raçe unter den übrigen, und ihre gesammte Bildung zu entziffern. [15]

Die Rassen sollen physisch und psychisch beurteilt und mit den anderen Rassen verglichen werden, um ihre Gesamtcharakteristik zu erschließen. Es geht nicht um eine rein physische Beschreibung, sondern auch um das sinnliche Ganze, um Wechselwirkungen zwischen Landschaft, Klima und Lebewesen, um den Gesamteindruck, die Gesamtbewertung. “Man kann daher jetzt von einer ursprünglichen Physiognomie America’s sprechen”, so Martius im dritten Band des Reiseberichts, ferner von der Pflanzen “Einfluss […] auf das Gemüth des Menschen.”[16] All dies ruft Alexander von Humboldt ins Gedächtnis: Wie der Wissenschaftshistoriker Michael Hagner herausgearbeitet hat, verstand Humboldt unter Physiognomik nicht nur ein Beschreiben im Sinne Linnés, sondern die Analyse des auch ästhetisch bedingten “Totaleindrucks.”[17] Betrachten wir zunächst dessen physische Seite.

3 Physiognomie und Rasse

Johann Friedrich Blumenbach (1752-1840) war der erste deutschsprachige Naturwissenschaftler, der systematisch mit dem Begriff “Rasse” arbeitete. Ihm ging es vor allem um physiognomische Merkmale der Menschen, die der Mitbegründer der Kraniologie (hier war auch der niederländische Arzt Peter Camper [1722-1789] wichtig) nach Linné’schem Muster anhand seiner Schädel- und Präparatesammlung, aber auch anhand von Reiseberichten zusammentrug, wenngleich er Reiseberichten durchaus kritisch gegenüber stand.[18]

    Das zentrale rassentheoretische Werk von Blumenbach, De generis humani varietate nativa, erschien erstmals 1775 und wurde in der dritten Auflage von Johann Gottfried Gruber 1798 ins Deutsche übersetzt.[19]Im ersten Abschnitt beschreibt Blumenbach die Anatomie und Physiognomie des Menschen, um diesen von den Tieren zu unterscheiden. Der Mensch ist demnach das einzige zweihändige Lebewesen. Im dritten Abschnitt arbeitet er dann die “Ursachen und Arten der Degeneration des Menschengeschlechts”, also die Bildung der verschiedenen Rassen heraus.[20] Blumenbach vertrat die Auffassung, dass das Klima der Hauptfaktor für die “Degeneration” bzw. Bildung von Rassen sei,[21] womit er die These von George-Louis Leclerc de Buffon (1707-1788) übernahm.[22]

Blumenbach unterscheidet innerhalb der “Gattung” Mensch die kaukasische, mongolische, äthiopische, amerikanische und die malayische Rasse [23]

und prägte mit dieser Einteilung die Rassentheorie des 19. Jahrhunderts. Merkmale, mit denen Blumenbach die “fünf Hauptklassen”[24]

bzw. “fünf Hauptvarietäten”[25]

des “Menschengeschlechts” voneinander unterscheidet, sind vor allem Hautfarbe (§43), Haupthaare (§52), Augen (§54), Gesichtsbildung (§56) und Schädelform (§62), nachrangig auch Zähne (§64), äußeres Ohr (§66), Brüste (§67), Geschlechtsteile (§68), Schenkel (§69), Füße und Hände (§70) sowie die Statur (§71).

Viele Schüler von Blumenbach unternahmen Entdeckungsreisen, darunter Alexander von Humboldt und Georg Heinrich von Langsdorff. Blumenbach war an diesen Reisen interessiert und regte Fragestellungen an, wie die Anweisungen von Blumenbach an seinen Schüler Friedrich Konrad Hornemann für dessen Afrika-Reise vom 1. Februar 1797 zeigen (die dann allerdings tödlich endete): Neben der Erfassung von endemischen Krankheiten und der Verifizierung von Gerüchten über angebliche physiognomische Besonderheiten erbat er sich eine “möglichst genaue Charakteristik der Nationalgesichtsbildung und Schädelform bey den verschiedenen Neger-Stämmen.” [26]

Ob Martius seinen Rassenbegriff von Blumenbach bezieht, wie es Karen Lisboa behauptet,[27] gilt es im Folgenden zu prüfen. In Rio de Janeiro trafen Spix und Martius auf den Blumenbach-Schüler Langsdorff,[28] der in seinem Hause einen Botokuden untergebracht hatte.

    Der vormalige portugiesische Staatsminister, Conde da Barca, hatte nämlich von dem Districtscommandanten der Indianer in Minas Geraës einen indianischen Schädel für unsern berühmten Landsmann, Hrn. Hofrath Blumenbach, verlangt; da Jener nicht Gelegenheit fand, eines solchen todten Documentes habhaft zu werden, so schickte er dem Grafen zwei lebendige Botocudos.[29]

Die Erwähnung des “berühmten” Blumenbach und das Zusammentreffen mit einem seiner Schüler deuten auf eine Vorbildfunktion Blumenbachs hin, zumal Spix bereits selber kraniologisch in seiner “Cephalogenesis” gearbeitet hatte, in der er die Entwicklung des Kopfes im Tierreich behandelte.[30]

Martius und Spix übernehmen Blumenbachs fünfteilige Rassengliederung und sprechen neben der “aethiopischen” von der “mongolischen, caucasischen, malayischen und americanischen Raçe.” [31]

Sie teilen ferner Blumenbachs Auffassung, dass die verschiedenen Rassen klimatischen Ursprungs seien:

    Bei der Vergleichung der mongolischen Physiognomie mit der americanischen hat der Beobachter Gelegenheit genug, leitende Spuren für die Reihe von Entwickelungen zu finden, durch welche der Ostasiate unter dem Einfluss eines andern Klimas hindurchgehen musste, um endlich zum Americaner umgebildet zu werden.[32]


Im Brasilienbericht begegnen ferner Wörter wie “physiognomisch” und für eine Rasse “eigenthümlich”, die bereits aus Blumenbachs Schrift bekannt sind. Auch fällt auf, dass Martius auf die Beschreibung von Krankheiten besonderen Wert legt[33] – ein Umstand, auf den bereits Blumenbach aufmerksam gemacht hatte (s.o.).

Wenn man nun die Beschreibung der verschiedenen Rassen bei Blumenbach mit Schilderungen aus dem Brasilienbericht vergleicht, fallen weitere Parallelen auf. Dies soll an einigen Beispielen verdeutlicht werden. Blumenbach beschreibt die mongolische Rasse wie folgt:

    Von gelbbrauner Farbe […]. Von schwarzem, härtern, weder krausem noch dichtem Haar […]. Mit gleichsam viereckigtem Kopfe […], breitem und plattem Gesicht; und deshalb mit minder abgesonderten, sondern gleichsam in einander fließenden Zügen, eine flache sehr breite Glabelle, eine kleine eingedrückte Nase, runde herausstehende Bausbacken, die Oeffnung der Augenlieder enger geradlinichter, das Kinn hervorragend […].[34]

Bei Martius und Spix findet sich eine ähnliche Beschreibung von Chinesen:

    Zwar ist die Gestalt des Chinesen etwas schlanker, die Stirne breiter, die Lippen sind dünner und gleichförmiger, die Züge überhaupt feiner und milder als jene des in den Wäldern aufgewachsenen Americaners; jedoch sind der kleine, nicht längliche sondern rundlich eckige, etwas spitzige Kopf, das breite Mittelhaupt, die höckerartig hervorragenden Stirnhöhlen, die niedrige Stirne, die starke Zuspitzung und Hervorragung der Jochbeine, die schräge Lage der kleinen eng geschlitzten Augen, die stumpfe verhältnissmässig kleine, gleichfalls breit gedrückte Nase, der Mangel starker Behaarung am Kinn und am übrigen Körper, die schwarzen langen schlichten Haupthaare, die gelbliche oder hell röthliche Färbung der Haut lauter Züge, welche der Physiognomie beider Raçen gemein sind.[35]

Obgleich die zweite Beschreibung detaillierter ist, fällt auf, dass sie nach dem Blumenbach’schen Schema vorgeht. Die Hautfarbe, das Haar, die Kopfform sowie das Gesicht mit Nase und Augen sind wichtige Bezugspunkte und werden analog beschrieben. Die Beschreibung ist demnach nicht “objektiv” oder aus der jeweiligen Situation entstanden, sondern wendet ein Schema an und versucht, vorgegebene physionomische Charakteristika nachzuweisen. Dies wird besonders an der Kopf- bzw. Schädelbeschreibung im kraniologischen Stil deutlich.

Bei Blumenbach finden wir folgende Beschreibung der “americanischen” Rasse:

    Von Kupferfarbe […], schwarzem, hartem und schwachem Haar […], die Stirn niedrig, die Augen tiefliegend, eine stumpfe, jedoch herausstehende Nase. Das Gesicht ist zwar insgeheim breit und dickwangig, jedoch nicht flach und platt, sondern die Theile drücken sich en profil deutlich aus und sondern sich von einander ab […].[36]

Im Reisebericht gibt es relativ viele Beschreibungen indigener Gruppen. Auch hier wird schnell klar, nach welchem Muster diese geschrieben wurden.

    Alle Indianer, welche wir hier von den Stämmen der Purís, Coropós, und Coroados zu sehen bekamen, waren von einander in Körperbau und Gesichtsbildung auffallend wenig unterschieden, und die individuellen Züge derselben schienen, vermuthlich aus Mangel an Ausbildung, von dem allgemeinen Raçezug viel mehr beherrscht, als dieses bei den übrigen Raçen jetzt noch der Fall ist. Die Indianer sind von kleiner oder mittlerer Statur, die Männer vier bis fünf, die Weiber im Allgemeinen etwas über vier Fuss hoch; alle von stämmigem, breiten und gedrungenen Körperbau. […] Ihre Brust ist breit, der Hals kurz und stark; die weiblichen Brüste nicht so schlaff herabhängend wie bei den Negerinnen; der Bauch stark hervorhängend, der Nabel sehr schwulstig, jedoch weniger als bei dem Neger; die männlichen Theile sind viel kleiner als die der Neger, und nicht wie bei diesen in einem beständigen Turgor; die Extremitäten sind kurz, die unteren nichts weniger als voll, namentlich die Waden und das Gesäss dünn, die oberen rund und musculös. Der Fuss ist hinten schmal, nach vorn hin sehr breit, die grosse Zehe von den übrigen abstehend; die Hände sind fast immer kalt, die Finger verhältnissmässig dünn, die Nägel, welche sie sich beständig abzunagen pflegen, sehr kurz. Die Hautfarbe ist ein mehr oder weniger tiefes Kupferbraun […]. Neugeborne Kinder sind gelblich weiss, wie Mulatten; Kranke erhalten eine bräunlich gelbe Farbe; äusserst selten trifft man unter ihnen Kakerlacken oder Dunkelgefleckte. […] Uebrigens ist ihre Haut sehr fein, weich, glänzend, und der Sonne ausgesetzt zum Schweisse geneigt, dessen Geruch (Catinca) nicht so wild wie bei den Negern, doch aber scabiös-urinös ist. Die langen, harten, straffen, glänzend schwarzen Haare hängen dicht und unordentlich vom Haupte herab. […] Am Kopfe zeichnen sie sich, der breiten Brust entsprechend, besonders das Mittelhaupt und die hervorstehenden Backenknochen durch Breite aus. Die Stirne ist niedrig, durch die hervorstehenden Stirnhöhlen höckerig am Grunde, oben enge und stark zurückgelehnt. Das Hinterhaupt hängt bei weitem weniger nach hinten, wie bei dem Neger, dessen Schädel überhaupt viel schmäler und viel länglicher ist, als der des Indianers. Das Antlitz ist breit und eckig, und springt nicht so sehr hervor wie beim Neger, aber mehr als bei dem Kalmucken oder Europäer. Die Ohren sind klein, nett, etwas auswärts gerichtet, die Ohrläppchen nicht durchbohrt oder durch schwere Körper verunstaltet, die Augen klein, schwarzbraun, seitwärts stehend, mit dem innern Winkel gegen die Nase gekehrt […]; die Nase ist kurz, nach oben sanft eingedrückt, nach unten platt, jedoch nicht so breit gedrückt wie bei dem Neger; die Nasenlöcher sind breit, kaum ein wenig nach aussen stehend, die Lippen bei weitem nicht so dick und wulstig wie bei dem Neger […][37]

Zu den Botocudos heißt es:

    Wie alle Indianer, welche wir bis jetzt gesehen hatten, waren auch sie von hellzimmtbrauner Farbe, mittelmässiger Grösse, untersetzter Statur, von kurzem Halse, kleinen Augen, plattgedrückter kurzer Nase und wulstigen Lippen. Die pechschwarzen, straffen, glänzenden Kopfhaare hingen Einigen wild herab […]. [38]

Und abschließend sei die folgende, von Spix verfasste Charakteristik der “amerikanischen Rasse” zitiert:

    “In der Körperbildung kommen auch diese mit den übrigen Indianern Brasiliens überein. Der Hauptkennzeichen der americ. Raçe sind: die röthliche Farbe von verschiedenen Graden der Dunkelheit, die verhältnissmässig stärkere Breite als Länge aller Theile. Statur klein (Indianer von fünf und einem halben bis sechs Fuss sind selten); kurzer Hals; breites Becken, aber noch breitere Brust und Schulterblätter; starke Brüste, kurze Füsse; die Planta pedis gegen vorn breit; der Nabel nicht so wulstig hervorstehend, wie bei den Negern, sondern mehr einwärts gezogen. Die Haare schwarz, steif, wie bei Pferden, mehr oder weniger lang. Der Kopf rundlich, breit; Mittelhaupt breit; Hinterhaupt nicht so länglich hervorstehend, wie bei dem Neger, sondern zugerundet. Stirne breit, niedrig, etwas rückwärts geneigt; die Stirn-Höhlen hervorstehend. Gesicht breit, rundlich, seltener schmal oval; Jochbeine hervorstehend; Nase meist flachgedrückt; Nasenlöcher weit, etwas seitwärts und nach oben gerichtet; Augen klein, braun, schwarz; Augenhöhlen seitwärts abstehend; Augenbraunen breit, schwachbehaart, gewöhnlich gegen die Nase herab, und eben so nach Aussen verlaufend; Mund breit; Unterlippe nicht so stark als die Oberlippe, beide minder wulstig, als beim Neger.” [39]

Wieder begegnet die Blumenbach’sche Beschreibungssystematik: Statur, Körperbau, Hautfarbe, Haare, Augen, Gesichtsbildung und Schädelform, teilweise auch Füße und Hände sind von Interesse und werden einheitlich als “Raçezug” beschrieben. Neben der Hautfarbe stimmen vor allem die niedrige Stirn und das breite Gesicht mit Blumenbachs Kurzbeschreibung überein. Auffällig ist der Vergleich zwischen den verschiedenen Rassen – körperliche Merkmale werden zu anderen rassischen Bezugspunkten in Verbindung gesetzt. Die Beschreibungen kommen als stereotypisierte, rassische Physiognomien daher und lassen ihren ethnologischen Wert und Erkenntnisgewinn fraglich erscheinen. Die Erwähnung von “Abartungen” wie “Kakerlacken oder Dunkelgefleckte[n]” macht den rassischen Einschlag besonders deutlich.

Für Martius ist die Rassenmischung von besonderer Bedeutung. Hier greift er nur teilweise auf Blumenbach zurück, welcher folgende “Bastardgeburten” aufzählt:

    Von Europäern mit Negern werden Mulatten geboren. Die Kinder von Europäern mit Indianern heißen Mestizen. Ebenso nennt man die von Europäern mit Amerikanern Erzeugten, auch Westindier, Mestizen und Mamelucken. Kinder von Negern mit Amerikanern heißen Zamben […].[40]

 Martius und Spix bringen eine ähnliche Passage, orientieren sich allerdings weniger an Blumenbach, als vielmehr an der portugiesischen Bezeichnung: “Die Kinder von einem Vater caucasischer Abkunft und einer indianischen Mutter nennt man auch hier, wie im übrigen Brasilien, Mamelucos. Mischlinge aus Negern und Indianern werden bald Cafusos, bald Cabres, die aus Negern und Weissen werden vorzugsweise Mestiços (Carybocas) oder Pardos, Mulatos genannt.”[41] Auch “Mischlinge” beschreiben sie nach dem bereits vertrauten Muster, wie das Beispiel der “Cafusos” zeigt:

    Cafusos, welche Mischlinge von Schwarzen und Indianern sind. Ihr Aeusseres gehört zu dem auffallendsten, welches einem Europäer begegnen kann. Sie sind schlank, breit und von kräftiger Musculatur, besonders sind die Brust-, auch die Armmuskeln sehr stark, die Füsse dagegen verhältnissmässig schwächer. Ihre Farbe ist ein dunkles Kupfer- und Kaffebraun. Die Gesichtszüge erinnern im ganzen mehr an die äthiopische als an die americanische Raçe. Das Antlitz ist oval, die Backenknochen sind stark hervorragend, doch weniger breit und abgesetzt als bei den Indianern, die Nase breit und niedergedrückt, jedoch weder aufgeworfen noch sehr gekrümmt, der Mund breit mit dicken, aber dabei gleichen und eben so wie der Unterkiefer wenig vorspringenden Lippen, die schwarzen Augen selbst offeneren und freieren Blicks als bei den Indianern, jedoch noch etwas schief – wenn auch nicht so stark einwärts stehend als bei diesen, dagegen nicht so nach aussen gerichtet wie bei den Aethiopiern.[42]

In seinem Aufsatz “Bemerkungen über die Verfassung einer Geschichte Brasiliens” von 1943 bewertet Martius die Rassenmischung in Brasilien als “Veredlung dreier Menschenraçen.”[43] “Es unterliegt keinem Zweifel, daß der Wille der Vorsehung eine solche Raçavermischung zur Aufgabe in Brasilien gemacht hat.”[44] Martius verurteilte die Rassenmischung demnach nicht.

4 Physiognomik und Interpretation

Nachdem gezeigt wurde, wie physiognomische Beschreibungen bei Martius gestaltet sind, soll nun die Bewertung dieser Merkmale bei Martius im Mittelpunkt stehen. Hier wird schnell deutlich, dass man mit der Vorlage Blumenbach nicht sehr weit kommt. Drei Stränge sind zu unterscheiden: Erstens finden sich ästhetische Bewertungen, zweitens charakterliche Bewertungen, die mit physiognomischen Merkmalen in Einklang gebracht werden, und drittens eine generelle Interpretation der Wertigkeit der einzelnen Rassen und des Verhältnisses der Rassen untereinander.

Beginnen wir mit dem ersten Punkt. Martius nimmt ästhetische Bewertungen der von ihm beschriebenen äußerlichen Merkmale vor. So spricht er bsp. von einer “Verschlechterung der Körper- und Gesichtsbildung der Urbewohner bis zu dem Grade von Missgestalt und Hässlichkeit, welchen sie im Ganzen jetzt zeigen”[45] und “von sehr unangenehmer mongolischer Physiognomie”.[46] Hässlichkeit taucht als Bewertungsmaßstab immer wieder auf:

    Was aber diesen Mischlingen vorzüglich ein frappantes Aussehen giebt, ist das übermässig lange Haupthaar, welches sich, besonders gegen das Ende hin halbgekräuselt, von der Mittelstirne an auf einen bis anderthalb Fuss Höhe beinahe lothrecht emporhebt, und so eine ungeheuere, sehr hässliche Frisur bildet. [47]

Dagegen bewertet Martius die Physiognomie von Indigenen positiver, wenn sie der “kaukasischen” Physiognomie ähneln, wie das folgende Beispiel der Passés zeigt, welche er “die schönsten Indianer in Rio Negro”[48] nennt:

    Schon die weissere Gesichtsfarbe zeichnet sie vor ihren Nachbarn aus; noch mehr aber der feinere Gliederbau und eine der americanischen Raçe gemeiniglich fehlende Grösse und Ebenmässigkeit. Die gegen andere Indianer dünneren Extremitäten, der längere Hals, die stärker hervortretenden Schlüsselbeine, die zwar mit fleischiger Musculatur versehene aber schmalere Brust, der schlankere, minder gewölbt hervortretende Unterleib, die schmaleren Hüften – Alles erinnert vielmehr an eine caucasische Bildung. Auch die Gesichtszüge sind ausgezeichnet, bisweilen sogar schön zu nennen. [49]

Neben der ästhetischen Beurteilung fällt als zweiter Punkt auf, dass Martius vom Äußeren auf den Charakter der “Rassen” schließt. Denn man könne sagen, so Martius in seinem Aufsatz über die Geschichte Brasiliens, “daß jeder Menschenraça vermöge der ihr angebohrenen Eigenschaften u. der Umgebung, unter welchen sie lebt und sich entfaltet, eine ganz eigenthümliche Bewegung zukommt.”[50] An den folgenden Beispielen wird schnell klar, welche Eigenschaften bzw. “Raçezüge” Martius der indigenen Bevölkerung Brasiliens zuschreibt.

    Diese Raçe trägt in Allem den Charakter eines gänzlichen Mangels innerer Einheit und Wesenheit, und ist darum in einer fortwährenden Volubilität der Gesinnungen, Meinungen, nationalen Sitte und Sprache begriffen. Sie bleibt sich in Nichts gleich, als in ihrem Unbestande.”[51]
    “Ihre Physiognomie war nicht die angenehmste. Der allgemeine Raçezug, hinbrütender Stumpfsinn und Verschlossenheit, der sich besonders in dem irren trüben Blicke und dem scheuen Benehmen des Americaners ausspricht, wird bei dem ersten Schritt in die Reflexionsstufe durch den ihm noch ganz fremdartigen Zwang der Civilisation und des Umgangs mit Negern, Mestizen und Portugiesen bis zu dem traurigsten Bilde innerer Unzufriedenheit und Verdorbenheit gesteigert."[52]

Zu den Botocudos heißt es:

    So sehr uns auch die trostlose Physiognomie der Coroados, Purís und Coropós mit Bedauern und Mitleiden erfüllt hatte, so machte doch jetzt einen viel schrecklicheren Eindruck der Anblick von Menschen, die fast keine Spur von Humanität in ihrem Aeusseren trugen. Indolenz, Stumpfsinn und thierische Rohheit waren in ihren viereckigen, plattgedrückten Gesichtern, in ihren kleinen und furchtsam stieren Augen; Gefrässigkeit, Trägheit und Schwerfälligkeit in den wulstigen Lippen, in dem Hängebauche, wie in dem ganzen torösen Körper und dem trippelnden Gange ausgeprägt. [53]

Die Muras beurteilt er folgendermaßen:

    Der Ausdruck der Physiognomien war wild, unstät und niedrig. Selbst das Freiheitsgefühl konnte die breiten, verwirrten, von lang herabhängenden Haupthaaren verdüsterten Züge nicht erheitern […]. Ihre Körper waren breit, sehr fleischig und unter mittlerer Grösse; die Hautfarbe war wegen fortwährender Nacktheit ein um so dunkleres Kupferbraun, die Behaarung fast nur am Kopfe […]. [54]

Und auch die Miranhas werden charakterlich beurteilt:

    Wir schrieben wohl nicht zu Unrecht diese Naivetät, diesen sanguinischen Antheil an Allem, was uns betraf, dem freieren Naturstande zu, worin sie sich, entfernt von Weissen, ohne Kunde von Frohnen […] befinden. Roh bis zur Thierheit fand ich bei genauerer Bekanntschaft diese Miranhas, aber jene Hinterlist, Furchtsamkeit und Kleinheit der Gesinnung, wodurch sich der aldeierte Indianer oft zum Gegenstand der Verachtung seiner Nachbarn macht, ist ihnen fremd. Sie sind ein kräftiger, wohlgebauter, dunkelgefärbter Indianerstamm. Ihre breite Brust entspricht dem breiten Antlitze […]. Uebrigens tragen sie in ihren Gesichtern zwar den Ausdruck der ungebundensten Rohheit, zugleich aber jene Gutmüthigkeit, ohne welche wir den Menschen im Naturzustande nicht denken können. [55]

Die ausgewählten Textstellen, die in der Regel direkt an die vermeintlich “objektiven”, jedoch auf der Blumenbach’schen Rassenklassifizierung aufbauenden physiognomischen Beschreibungen anschließen, verdeutlichen Martius’ Standpunkt. Es erscheinen Urteile und Bewertungen des Charakters von Personen, welche mit der rassischen Herkunft in Zusammenhang gebracht werden. Es lässt sich ein pejoratives Wortfeld separieren, welches aus Stumpfsinn, Indolenz, Verschlossenheit, Scheuheit, Trübsinn, Unzufriedenheit, Trägheit, Unstetigkeit, Gefrässigkeit und Verdorbenheit besteht. Weiterhin werden die Indigenen als roh oder thierisch beschrieben. Lediglich “der gutmüthige, phlegmatische Charakter der Indianer” sticht etwas positiver ab, schließt aber an Trägheit an.

Chinesen und Amerikaner werden außerdem als hinterlistig und diebisch bezeichnet: “Auch der misstrauische, hinterlistige, wie man behauptet, nicht selten diebische Charakter und der Ausdruck kleinlicher Sinnesart und mechanischer Bildung zeigen sich in beiden Stämmen auf ähnliche Weise.” Dass Martius auch die “europäische Rasse” charakterlich beurteilt, zeigt das Beispiel der Paulistas:

    Uebrigens sind eine hohe und dabei breite Statur, stark ausgesprochene Gesichtszüge, die Freiheitssinn und Unbefangenheit ankündigen, braune, selten blaue Augen voll Feuer und Unternehmungsgeist, volles, schwarzes und schlichtes Haar, kräftige Musculatur, Raschheit und Bestimmtheit in der Bewegung die Hauptzüge in der Physiognomie der Paulisten. [58]

Als dritter Punkt muss Martius’ Gesamtbewertung der Rassen für die Menschheitsgeschichte angesprochen werden. Für Martius gibt es keinen Zweifel, dass die weiße Rasse die höherwertigste sei und daher die anderen Rassen beherrsche. In seinem Aufsatz von 1845 schreibt er:

    Jede Eigenthümlichkeit einer Raça in somatischer u. psychischer (…) gewährt hiebei ein besonderes Moment, und nach der größeren Energie, Quantität und bürgerlichen Geltung (Dignität) einer jeden Raça wird dieses Moment von größerem oder geringeren Einfluß auf die Gesamtheit der Entwickelung seyn. So ist es also natürlich, daß der Portugiese, der als Entdecker, Eroberer, Sieger und Herr in die Entwicklung eingegriffen hat, die im Grund die physische u. moralische Bedingung und Gewährschaft für die Entfaltung zu einem selbstädnigen Reiche gegeben, auch immer als das gewaltigste & wesentlichste Moment erscheint.[59]

    Ähnlich wird im Reisebericht formuliert:

    Diese Erfahrung schien uns die Ansicht zu bestätigen, auf welche der Physiolog durch viele andere Verhältnisse hingewiesen wird, dass der Europäer an Intensität des Nervenlebens die gefärbten Menschen übertreffe, und auf eine ganz specifische Weise, sowohl somatisch als psychisch die übrigen Raçen beherrsche. Es ist schon von mehreren sinnreichen Schriftstellern bemerkt worden, dass die einzelnen Raçen, wenn auch gleichförmig organisirt, doch in verschiedenen Beziehungen mehr oder weniger vollkommen qualificirt seyen, und namentlich den Europäer eine höhere Ausbildung der geistigen Organe und Kräfte für die geringere niedriger Facultäten entschädige. […] Freiheit, begründet durch ein lebendiges moralisches Bewustseyn, und entwickelt durch die Herrlichkeit der Religion und ächter Wissenschaft hat dem Europäer den Stempel von Würde und Hoheit aufgedrückt, welche ihn bisher fast unbewusst siegreich durch alle Welttheile führten, ihn unter den rohen Kindern der Natur […] beschützen, und Ehrfurcht überall um ihn her verbreiten. [60]

Der Platz auf der Welt, den Martius der “amerikanischen Rasse” zuweist, steht antonymisch zu dem der “kaukasischen Rasse”:

    Der rothe Ureinwohner America’s wird sich kaum je auf jene Stufe erheben, dass er Gesetzgeber und Veredler der ihm untergeordneten Natur werden dürfte. Diese Bestimmung scheint Völkern caucasischer Raçe, und insbesondere romanischer Abstammung, im Zusammenwirken mit anglogermanischen und äthiopischen Stämmen verliehen. [61]

Martius geht noch weiter – in seinen Augen sei die “amerikanische Rasse”, die er als “verkümmerten Ast am Stamme” [62] des Menschengeschlechts bezeichnet, dem Untergang geweiht, da sie zur Zivilisation unfähig sei:

    Wie früher ist diese Raçe untergeordnet, leidend, bedeutungslos im Verbande mit den übrigen, ein Spiel des Eigennutzes und der Wohllust der Einzelnen, eine träge Last für die Gesammtheit, die sich gleichsam nur ungerne damit hinschleppt. Ja, aus ihrem Verharren auf der tiefsten Bildungsstufe und aus dem Umstande, dass man fast nirgends eine unvermischt indianische Familie zwischen den übrigen Menschenraçen durch mehrere Generationen erhalten findet, dürfte der traurige Schluss zu ziehen seyn, dass die Indianer, anstatt von der Civilisation Europa’s geweckt und gebildet zu werden, dieselbe vielmehr wie ein allmälig wirkendes Gift empfinden, das damit enden werde, sie vollkommen aufzulösen und zu zerstören. [63]

Auf den Gegensatz zwischen den “Naturmenschen”[64] Amerikas und der weißen, zivilisatorischen Rasse sei ansonsten auf Karen Lisboa verwiesen.[65]

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Martius über das Beschreiben von physiognomischen Rassenmerkmalen hinaus geht und auch eine Bewertung der Rassen vornimmt. Neben einer ästhetischen Herabwürdigung findet sich eine rassische Physiognomik, also das Festmachen charakterlicher Merkmale an physiognomischen Rassenmerkmalen. Beides nimmt Martius ausgesprochen pejorativ vor und lässt es in ein größeres Konzept von Rasse einmünden, in dem die weiße Rasse für Zivilisation und Erziehung, die anderen Rassen für Degeneration und Wildheit stehen.

Woher stammt dieses Konzept? Auch Blumenbach macht unmissverständlich klar, dass Europäer “die schönste und wohlgebildetste Gesichtsform” und eine “schöne Schädelform”[67] hätten und somit als Urstamm anzusehen seien, von dem sich die anderen Rassen ableiten ließen.[68] Ferner spricht er von “rohen Völkern, Negern, Brasiliern.”[69] Allerdings enthält er sich ansonsten ästhetischer Bewertungen, obgleich auch er von einem zu bestimmenden “Nationalcharakter”[70] der Rassen ausgeht, auf den er jedoch nicht näher eingeht. Übrigens hatte schon Linné Charakterbewertungen vorgenommen, als er den “Americanus” u.a. als “cholericus” und “liber”, den “Europaeus” als “sanguineus” und “inventor”, den “Asiaticus” als “melancholicus” und den “Afer” als “phlegmaticus” bezeichnete.[71] Die Willkür der Stereotypisierungen sticht umso mehr ins Auge, wenn sich bei Martius auch für den “Amerikaner” Zuschreibungen wie phlegmatisch finden lassen.

Die von Martius vorgenommene Verbindung von Charakter und Äußerem lässt an die Physiognomik denken, die in Johann Caspar Lavater (1741-1801) ihren wichtigsten Vertreter hatte, welcher von Gesichtsmerkmalen auf den Charakter von Personen zu schließen glaubte.[72] Franz Joseph Gall (1758-1828) verband die Kraniologie mit der Physiognomik, indem er den Charakter eines Menschen aus dessen Schädelform und Mimik herzuleiten anstrebte.[73] Die Kulturwissenschaftlerin Claudia Schmölders bekräftigt, dass die Physiognomik im 19. Jahrhundert “zwischen Psychologie und Geographie”[74] schwebte, oder, wie der bereits erwähnte Michael Hagner feststellt, die Interpretation des auch ästhetisch bedingten Gesamteindrucks einzufangen versuchte.

Blumenbach lehnte die Physiognomik ab:

    Vor allen Dingen muß ich erinnern, daß hier nicht von der Gesichtsbildung im physiognomischen Sinne (Blick, Ausdruck) dem Zeiger der Gemüthsbeschaffenheit, die Rede sey, welche indeß doch auch bisweilen national, gewissen Völkerschaften eigenthümlich seyn, und ebenfalls aus jenen Ursachen hergeleitet werden kann. […] Nicht von dieser physiognomischen Gesichtsform also, sondern von den Ursachen der Nationalgesichter, der eigensten Figur, Verhältnis und Richtung ihrer Theile handeln wir, in welchen Stücken allen die verschiedenen Racen des Menschengeschlechts allerdings, wie wir gesehen haben, etwas Eigenthümliches und Charakteristisches haben.[75]

Martius’ Konzept der Hässlichkeit und der Charakterisierung von Rassen geht also über Blumenbach hinaus.

Als Vorbild diente ihm offenbar der Kulturhistoriker Christoph Meiners (1747-1810), der wie Blumenbach in Göttingen lehrte und erstmals die Begriffe “Rasse” und “Nation” bzw. “Volk” zusammenbrachte und “Rasse” als konstituierendes Merkmal für die Menschheitsgeschichte ausmachte.[76] In Meiners’ “Grundriß der Geschichte der Menschheit” (1785) finden sich deutliche Verbindungen zu Martius. So führt Meiners das ästhetische Bewertungskriterium für Rassen und Völker ein: “Eins der wichtigsten Kennzeichen von Stämmen und Völkern ist Schönheit oder Häßlichkeit. […] Nur der weiße Volksstamm verdient den Nahmen des Schönen, und der Dunkelhäutige mit Recht den Nahmen des Häßlichen.”[77] Ähnlich wie Blumenbach nennt er in seinem zweiten Kapitel als rassenkonstituierende Merkmale die Körpergröße (§13), die Körperstärke (§14), die Hautfarbe (§17), das Haar (§18), die Kopfform (§19), die Augen (§20) sowie Mund und Ohren (§21). Meiners geht aber über die physiognomische Beschreibung und Beurteilung hinaus, denn er weist den Rassen unterschiedliche Charaktermerkmale zu, denn auch der Geist sei rassenbedingt: “Die Vorsehung schenkte den Weißen und schönen Völkern nicht nur größere Vorzüge des Cörpers, sondern auch des Geistes.”[78] Im Umkehrschluss bedeutet dies für die “amerikanische Rasse”: “Nirgends ist die Nichtswürdigkeit oder Verdorbenheit der menschlichen Natur allgemeiner, und genauer beobachtet worden, als in den Einwohnern von America”[79] Neben “Verdorbenheit” nennt Meiners als Merkmale “wilder Völker” Feigheit und Furcht,[80] ferner “Eitelkeit, Hang zu Spiel und Tanz, Rachbegierde, Trägheit, Unkeuschheit, Unreinlichkeit, Hang zur Dieberey, Völlerey und Gefrässigkeit.”[81] Ein Abgleich mit dem zuvor separierten Wortfeld aus dem Brasilienbericht von Martius zeigt eine deutliche Übereinstimmung.

Ein weiterer besonders deutlicher Hinweis auf Meiners ist die von Martius vertretene Dekadenztheorie, die er in seinem Aufsatz zur Geschichte Brasiliens entwickelt. Laut Martius seien die indigenen Völker Brasiliens herabgesunkene Überreste einer Hochkultur und keine Menschen im Rousseau’schen Naturzustand: “Wie hatten sie jenen eigenthümlichen Zustand bürgerlicher u. sittlicher Auflösung überkommen, der uns sie selbst nur wie Ruinen von Völkern erkennen läßt?”[82] Auch Meiners vertritt diese These und spricht von Völkern, “die bis zur tiefsten Stuffe der Verwilderung hinabgesunken sind”.[83] Nach Meiners hätten verschiedene Völker aufgrund ihrer Rasse verschiedene Kulturstufen inne, wobei der weiße Europäer an der Spitze stünde[84] – eine weitere Parallele zu Martius.

5 Zusammenfassung

Ein Blick auf die physiognomischen Beschreibungen außereuropäischer Menschen im Œuvre von Martius hat dessen Rassenkonzept deutlich werden lassen. Es konnte gezeigt werden, dass hierbei verschiedene Einflüsse geltend gemacht werden können. Auf der einen Seite steht der Naturwissenschaftler Martius, der im Rahmen der von Linné begründeten Artenklassifizierung Pflanzen, Tiere und Menschen gleichsam zu systematisieren sich angeschickt hat. Dabei greift Martius vor allem auf die Rasseneinteilungen samt ihrer physiognomischen Kriterien zurück, wie sie Johann Friedrich Blumenbach entwickelt hat, und unterwirft indigene Völker einer standardisierten Erfassung und einem Schema europäischer Denkstruktur.

Auf der anderen Seite steht der Physiognomiker und Kulturanthropologe, der sowohl ästhetisch verurteilt, als auch charakterliche Rassenmerkmale festzustellen glaubt, wobei beides an der europäischen Norm gemessen und herabgewürdigt wird. Die zunächst “objektiv” gedachte Beschreibung wird also interpretiert und schließlich einem Beschreibungsmodell der Menschheitsgeschichte zugeführt, für welches Christoph Meiners als Urheber festgestellt werden konnte. Die weiße, europäische Rasse wird demgemäß als beste und hochentwickeltste Rasse dargestellt, die die anderen Rassen zu recht beherrsche. Da dieses Konzept mit physiognomischen Merkmalen begründet wird, muss man Martius vorhalten, sich einer rassistischen Physiognomik bedient zu haben. Dies gilt es, beim Rezipieren seiner ethnologischen Beschreibungen im Hinterkopf zu behalten. Denn schon Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799) stellte fest:

    “Wäre es nicht Unsinn zu sagen, weil der Mohr dumm und tückisch ist, so ist es der Deutsche ebenfalls, dessen Nase und Lippe sich der Lippe und Nase des Schwarzen nähern, oder ähnlicht ihm mit der Verhältnis im Charakter, nach welcher sich Nase und Lippe ähnlich sind, da der eine eines sanften Himmels genoß, während der andere von dem seinigen bis in den Sitz der Seele geröstet und gekocht wird? Andere Umstände zu geschweigen. Was ist Unsinn, wenn dieses keiner ist?” [85]


Anmerkungen

[1] MARTIUS, Carl Friedrich Philipp von / SPIX, Johann Baptist von. Reise in Brasilien in den Jahren 1817-1820: tomi 1-4. Stuttgart, [1823-1831] 1966, S. 615.

[2] MARTIUS / SPIX, op. cit.

[3] Erst 1994 erschienen zwei Jubiläumsbände anlässlich von Martius’ 200. Geburtstag: HELBIG, Jörg (ed.). Brasilianische Reise 1817-1820. Carl Friedrich Philipp von Martius zum 200. Geburtstag. München, 1994; Staden-Jahrbuch 42 (1994).

[4] MACKNOW LISBOA, Karen. A nova atlântida de Spix e Martius: natureza e civilização na Viagem pelo Brasil (1817-1820). São Paulo, 1997.

[5] GEULEN, Christian. Geschichte des Rassismus. München, 2007, S. 56-57.

[6] LINNÉ, Carl. Systema Naturae: tomus 1. Wien, 1767, S. 29.

[7] BRENNER, Peter J. Der Reisebericht in der deutschen Literatur: ein Forschungsüberblick als Vorstudie zu einer Gattungsgeschichte. Tübingen, 1990, S. 444.

[8] TIEFENBACHER, Ludwig. Die Bayerische Brasilienexpedition von J. B. von Spix und C. F. Ph. von Martius 1817-1820. In: HELBIG, Jörg (ed.), op. cit., S. 28.

[9] MACKNOW LISBOA, op. cit., S. 141.

[10] MÄGDEFRAU, Karl. Einführung: Leben und Werk des Botanikers Carl Friedrich Philipp von Martius (1794-1868). In: MARTIUS / SPIX, op. cit., S. XIII.

[11] MACKNOW LISBOA, Karen. „Reise in Brasilien“: Bilder der Natur und Skizzen einer Zivilisation. In: Staden-Jahrbuch 42 (1994), S. 53.

[12] GRAU, Jürke. Erlebte Botanik: Martius als Wissenschaftler. In: HELBIG, Jörg (ed.), op. cit., S.76.

[13] MÄGDEFRAU, op. cit., S. XI.

[14] MARTIUS / SPIX, op. cit., S. 5.

[15] MARTIUS / SPIX, op. cit., S. 384.

[16] MARTIUS / SPIX, op. cit.: tomus 3, S. X.

[17] HAGNER, Michael. Zur Physiognomik bei Alexander von Humboldt. In: CAMPE, Rüdiger / SCHNEIDER, Manfred (ed.). Geschichten der Physiognomik. Text – Bild – Wissen. Freiburg im Breisgau, 1996, S. 446.

[18] PLISCHKE, Hans. Johann Friedrich Blumenbachs Einfluß auf die Entdeckungsreisenden seiner Zeit. Göttingen, 1937, S. 4-5.

[19] BLUMENBACH, Johann Friedrich. Über die natürlichen Verschiedenheiten im Menschengeschlechte. Leipzig, 1798.

[20] BLUMENBACH, op. cit., S. 91-202.

[21] BLUMENBACH, op. cit., S. 96-99.

[22] CONZE, Werner / SOMMER, Antje: Rasse. In: KOSELLECK, Reinhart et. al. Geschichtliche Grundbegriffe: tomus 5. Stuttgart, 1984, S. 146.

[23] BLUMENBACH, op. cit., S. 203-204.

[24] BLUMENBACH, op. cit., S. 94.

[25] BLUMENBACH, op. cit., S. 203.

[26] PLISCHKE, op. cit., S. 81.

[27] MACKNOW LISBOA, op. cit., S. 141.

[28] MARTIUS / SPIX, op. cit., S. 90.

[29] MARTIUS / SPIX, op. cit., S. 96-97.

[30] TIEFENBACHER, op. cit., S. 29.

[31]MARTIUS / SPIX, op. cit., S. 185.

[32] MARTIUS / SPIX, op. cit., S. 184-185.

[33] MARTIUS / SPIX, op. cit., S. 210, 277-278, 391, 900.

[34] BLUMENBACH, op. cit., S. 206.

[35] MARTIUS / SPIX, op. cit., S. 184-185.

[36] BLUMENBACH, op. cit., S. 207-208.

[37] MARTIUS / SPIX, op. cit., S. 375-377

[38] MARTIUS / SPIX, op. cit., S. 480.

[39] MARTIUS / SPIX, op. cit., S. 1182-1183.

[40] BLUMENBACH, op. cit., S. 107-108.

[41] MARTIUS / SPIX, op. cit., S. 1183.

[42] MARTIUS / SPIX, op. cit., S. 215.

[43] MARTIUS, Carl Friedrich Philipp von. Bemerkungen über die Verfassung einer Geschichte Brasiliens. In: Institut Martius-Staden. Jahrbuch 50 (2003), S. 195.

[44] MARTIUS, op. cit., S. 194.

[45] MARTIUS / SPIX, op. cit., S. 213-214.

[46] MARTIUS / SPIX, op. cit., S. 370.

[47] MARTIUS / SPIX, op. cit., S. 215.

[48] MARTIUS / SPIX, op. cit., S. 1203.

[49] MARTIUS / SPIX, op. cit., S. 1204.

[50] MARTIUS, op. cit., S. 193.

[51] MARTIUS / SPIX, op. cit., S. 1033.

[52] MARTIUS / SPIX, op. cit., S. 213.

[53] MARTIUS / SPIX, op. cit., S. 480.

[54] MARTIUS / SPIX, op. cit., S. 1071.

[55] MARTIUS / SPIX, op. cit., S. 1242-1243.

[56] MARTIUS / SPIX, op. cit., S. 219.

[57] MARTIUS / SPIX, op. cit., S. 184-185.

[58] MARTIUS / SPIX, op. cit., S. 222. D.

[59] MARTIUS, op. cit., S. 193.

[60] MARTIUS / SPIX, op. cit., S. 259-260.

[61] MARTIUS / SPIX, op. cit.: tomus 3, S. LVI.

[62] MARTIUS / SPIX, op. cit., S. 935.

[63] MARTIUS / SPIX, op. cit., S. 905.

[64] MARTIUS / SPIX, op. cit., S. 196.

[65] MACKNOW LISBOA 1997, op. cit., S. 168.

[66] BLUMENBACH, op. cit., S. 130.

[67] BLUMENBACH, op. cit., S. 150.

[68] BLUMENBACH, op. cit., S. 213-214.

[69] BLUMENBACH, op. cit., S. 141.

[70] BLUMENBACH, op. cit., S. 142.

[71] LINNÉ, op. cit., S. 29.

[72] GEITNER, Ursula. Klartext. Zur Physiognomik Johann Caspar Lavaters. In: CAMPE, Rüdiger / SCHNEIDER, Manfred (ed.). Geschichten der Physiognomik. Text – Bild – Wissen. Freiburg im Breisgau, 1996, S. 359-361.

[73] SCHMÖLDERS, Claudia. Das Vorurteil im Leibe. Eine Einführung in die Physiognomik. Berlin, 1997, S. 134.

[74] SCHMÖLDERS, op. cit., S. 135.

[75] BLUMENBACH, op. cit., S. 133-134.

[76] CONZE / SOMMER, op. cit., S. 150-152.

[77] MEINERS, Christoph. Grundriß der Geschichte der Menschheit. Lemgo, 1793, S. 89.

[78] MEINERS, op. cit., S. 112.

[79] MEINERS, op. cit., S. 118.

[80] MEINERS, op. cit., S. 117.

[81] MEINERS, op. cit., S. 281.

[82] MARTIUS, op. cit., S. 196.

[83] MEINERS, op. cit., S. 129.

[84] CONZE / SOMMER, op. cit., S. 151.

[85] LICHTENBERG, Georg Christoph. Über Physiognomik. Wider die Physiognomen. In: LICHTENBERG, Georg Christoph. Schriften und Briefe: dritter Band. München, 1992, S. 274.


Doutorando em História/FU Berlim.Prof. de História no Instituto Friedrich-Meinecke da FU Berlim – Koserstr. 20, 14195 Berlin, Alemanha - e-mail: frederik.schulze@fu-berlin.de




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