Schamm

„Und natürlich darf geschossen werden!“

 Politische Lyrik und Linksterrorismus in Deutschland

Christoph Schamm


Rudi Dutschke auf Burg Waldeck

Von der Kunst zur Gewalt bzw. vom Pudding zum Dynamit

Die Morgenröte des RAF-Terrorismus

„das viertel wechseln, den pass, das gesicht“

 

Notas

ABSTRACT

In the late 1960s, West Germany was swept over by a wave of student protest. The movement of 1968 hit the country especially hard because the young generation aimed to overcome the Nazi past of their parents once and for all. As their peaceful demonstrations did not have any success, some of the leftist activists decided to take violent measures. Among other terrorist groups, the Red Army Fraction was born. This article tries to bring to light, if and how far the political poetry of the German postwar period predicted and legitimized this process.

Keywords:political poetry; terrorism; generation of 68; Baader/Meinhof .


Rudi Dutschke auf Burg Waldeck

Die meisten Liedermacher wurden gnadenlos ausgepfiffen, 1968 auf der Waldeck. Zu Tausenden waren die Mitglieder der studentischen Protestbewegung auf die Burg im Hunsrück gekommen, um das legendäre Festival der deutschsprachigen Chansons und Folksongs in eine politische Veranstaltung umzuwandeln. Aber Walter Moss-mann durfte singen und erhielt sogar frenetischen Beifall.[1] Das war kein Wunder, sang er doch das Lied Drei Kugeln auf Rudi Dutschke, das ihm Wolf Biermann zuvor am Telefon vorgesungen hatte. Text und Melodie stammten nämlich aus der Feder des ostdeutschen Lyrikers und Liedermachers, dem die Ausreise in den Wes-ten von den DDR-Behörden verweigert worden war. Als Außenstehender solida-risierte sich Biermann demonstrativ mit den Vertretern der Studentenrevolte. Mit seinem Lied nämlich unterstützte er deren Auffassung, dass die eigentliche Schuld an dem Attentat auf ihren Wortführer Rudi Dutschke nicht etwa der 24jährige Hilfs-arbeiter Josef Bachmann trage, der Dutschke am 11. April 1968 mit drei Pistolen-schüssen aus nächster Nähe niedergestreckt hatte. Stattdessen belastete er die amtie-renden Regierungschefs der Bundesrepublik Deutschland und West-Berlins sowie den Zeitungsverlag Axel Springer. Alle drei hätten so lange konzertierte Hetze ge-gen die Studentenbewegung betrieben, bis irgendeine verlorene Seele zur Waffe gegriffen habe. Hier die Verse, die Mossmann auf der Waldecker Freilichtbühne vortrug:

    Drei Kugeln auf Rudi Dutschke
    Ein blutiges Attentat
    Wir haben genau gesehen
    Wer da geschossen hat

    Refrain:

    Ach Deutschland, deine Mörder!
    Es ist das alte Lied
    Schon wieder Blut und Tränen
    Was gehst Du denn mit denen
    Du weißt doch was dir blüht!

    Die Kugel Nummer eins kam
    Aus Springers Zeitungswald
    Ihr habt dem Mann die Groschen
    Auch noch dafür bezahlt

    Refrain

    Des zweiten Schusses Schütze
    Im Schöneberger Haus
    Sein Mund war ja die Mündung
    Da kam die Kugel raus

    Refrain

    Der Edel-Nazi-Kanzler
    Schoß Kugel Nummer drei
    Er legte gleich der Witwe
    Den Beileidsbrief mit bei

    Refrain

    Drei Kugeln auf Rudi Dutschke
    Ihm galten sie nicht allein
    Wenn wir uns jetzt nicht wehren
    Wirst du der Nächste sein

    Refrain

    Es haben die paar Herren
    So viel schon umgebracht
    Statt daß sie euch zerbrechen
    Zerbrecht jetzt ihre Macht!

    Refrain [2]

Dutschke kam bei dem Mordanschlag nicht ums Leben. Obwohl Bachmann dreimal abdrückte, konnte er von den Ärzten gerettet werden. Erst Jahre später, 1979, würde er an den Spätfolgen der Verletzungen sterben. Biermann machte sich in den Stro-phen 2 bis 4 die Dreizahl der Schüsse zunutze, indem er jeder Patrone aus der Waffe des Attentäters einen wahren Schuldigen zuordnete. Mit „des zweiten Schusses Schütze / Im Schöneberger Haus“ ist der Regierende Bürgermeister von Berlin ge-meint – ein Politiker, der ausgerechnet Klaus Schütz hieß –; die Bezeichnung „Edel-Nazi-Kanzler“ spielt auf die NS-Vergangenheit des Bundeskanzlers Kurt Georg Kie-singer an. Der eigentliche Schütze Bachmann, von damaligen Journalisten sofort zur deutschen Variante des angeblichen Kennedy-Mörders Oswald stilisiert, erfüllt in diesem Denkschema nur die Funktion einer Marionette der Mächtigen.

All dies reproduziert nur den Tenor dessen, was in den linken Studentenkreisen ohnehin vorherrschende Meinung war. Nicht unbedingt dasselbe gilt für die letzten beiden Strophen, die den Anschlag auf Dutschke als Auftakt zu allgemeinem Staats-terror darstellen und, zumindest implizit, zur Gegengewalt aufrufen. Insbesondere das Verspaar „Es haben die paar Herren / So viel schon umgebracht“ wird erst verständlich, wenn man den zeitgeschichtlichen Kon-text kennt.

 

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Zwei Symbolfiguren der deutschen Linken in den spä-ten 60er Jahren: der Liedermacher Wolf Biermann (links) und Studentenführer Rudi Dutschke.

Es lässt sich einerseits auf die natio-nalsozialistischen Verbre-chen beziehen, die die Achtundsechziger gro-ßenteils ihrer Elterngene-ration anlasteten. Ande-rerseits verweist es je-doch auf ein anderes, ganz bestimmtes Ereig-nis: Am 2. Juni 1967, also gute zehn Monate vor dem Dutschke-Atten-tat, fand in Berlin eine große Demonstration ge-gen den Staatsbesuch des Schahs von Persien statt. Diesen Potentaten nahm die Protestbewegung als Oberhaupt eines Un-rechtsregimes wahr, das von der imperialistischen Außenpolitik der USA gestützt wurde. Als die Sicherheits-kräfte die Demonstrierenden auseinander trieb, wurde der Student Benno Ohnesorg erschossen. Der Täter, ein Polizeibeamter namens Karl-Heinz Kurras, wurde wegen fahrlässiger Tötung angeklagt, aber bereits im November 1967 freigesprochen. Das Gericht begründete sein Urteil mit Notwehr. Den Vorwurf, die wirklichen Umstände des Todes von Benno Ohnesorg verschleiert zu haben, konnte die Berliner Justiz nie vollständig ausräumen; in jedem Fall bewertet das linke Milieu die Tat und ihre rechtlichen Folgen bis heute als Akte staatlicher Willkür.

Zu diesem Zeitpunkt, so scheint es, wird innerhalb der studentischen Protest-bewegung erstmals der Ruf laut, gewaltsam zurück zu schlagen. So heißt es, dass die spätere Terroristin Gudrun Ensslin noch in der Nacht von Ohnesorgs Tod im Haupt-quartier des Sozialistischen Studentenbundes (SDS) in Berlin zum militanten Wider-stand aufgerufen habe. Dies sei der einzige Weg, sozialrevolutionäre Interessen gegen einen inhumanen, hinter der scheindemokratischen Fassade faschistischen Po-lizeistaat durchzusetzen. Vorerst allerdings beteiligte sie sich an einer friedlichen Protestaktion, um den Regierenden Bürgermeister von Berlin, Heinrich Albertz (SPD), zum Rücktritt aufzufordern. Albertz trug mit seinen Stellungnahmen zu den Vorkommnissen rings um den Schah-Besuch sicher nicht dazu bei, die aufgeheizte Stimmung zu entspannen. In einem ersten Statement rechtfertigte er das harte Durchgreifen der Polizei und wies die Schuld am Tod Ohnesorgs den Demonstranten zu; ein Standpunkt, auf dem er auch später beharren würde:

    Einige Dutzend Demonstranten, darunter auch Studenten, haben sich das traurige Verdienst erworben, nicht nur einen Gast der Bundesrepublik Deutschland in der deutschen Hauptstadt beschimpft zu haben, sondern auf ihr Konto gehen auch ein Toter und zahlreiche Verletzte [...]. Ich sage ausdrücklich und mit Nach-druck, dass ich das Verhalten der Polizei billige [...].[5]

Ein Foto, das die Zeitschrift Der Spiegel anlässlich der Festnahme Gudrun Ensslins im Juni 1972 veröffentlichte, zeigt die Germanistik-Doktorandin am äußersten rech-ten Ende einer Reihe von acht Menschen, auf deren T-Shirts jeweils ein Buchstabe des Namens ALBERTZ! geschrieben steht, wobei auf Ensslin natürlich das Rufe-zeichen entfällt.[6] Drehten sich die Teilnehmer der Protestaktion auf dem Mittelstrei-fen einer vierspurigen Straße um, konnten die Autofahrer auf ihren Rücken das Wort ABTRETEN lesen.[7] Tatsächlich würde der Regierende Bürgermeister sein Amt we-nige Wochen später zur Verfügung stellen; dies jedoch nur, weil sich die politische Krise nach Ohnesorgs Tod so sehr verschärft hatte, dass ihm seine eigene Partei die Mehrheit entzog. Sein Nachfolger war der von Biermann attackierte Klaus Schütz.[8]

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Noch protestiert sie friedlich: Gudrun Ensslin (rechts außen) bei einer Demonstra-tion gegen Berlins Regierenden Bürgermeister Heinrich Albertz am Tag nach Ohne-sorgs Tod.

Von der Kunst zur Gewalt bzw. vom Pudding zum Dynamit

Nach den Demonstrationen anlässlich des Schah-Besuches und dem Tod von Benno Ohnesorg begannen sich militante Gruppen aus der Studentenbewegung heraus zu lösen. Wolf Biermanns Aufruf, Widerstand gegen Staatsgewalt und Springer-Presse zu leisten und deren Macht zu zerschlagen, kamen sie somit um einige Monate zu-vor. Hier soll nicht noch einmal gezeigt werden, wie sich die sogenannten Stadt-guerillas von der friedlichen Studentenrevolte abgespalten haben;[9] das Augenmerk soll vielmehr auf den Zusammenhang von künstlerischer und terroristischer Aktion gerichtet werden. Setzt man sich nämlich genauer mit der Entstehung der Roten Ar-mee Fraktion, der Bewegung 2. Juni und anderen anarchistischen Vereinigungen dieses Milieus auseinander, so tritt der fließende Übergang vom symbolischen Hap-pening zum blutigen Attentat klar zutage.

In der zweiten Hälfte der sechziger Jahre engagierte sich ein nennenswerter An-teil der bundesdeutschen Universitätsstudenten in Gruppierungen am linken Rand des politischen Spektrums. Diese Entwicklung beruht zweifellos auf komplexen ge-sellschaftlichen Prozessen, die sich mit wenigen Sätzen nicht erklären lassen. Als mutmaßliche Hauptgründe sind jedoch zum einen ein Unbehagen an den christlichen Parteien zu nennen, deren restaurative Regierungspolitik von weiten Teilen der jun-gen Generation als unzureichende Ablösung vom Nationalsozialismus bewertet wur-de. Zu viele Köpfe in den Spitzen von CDU und CSU, zu viele führende Staatsbeam-te waren mit dem Makel einer braunen Vergangenheit behaftet.[10] Hinzu kam, dass die Sozialdemokratie nach den Wahlen von 1966 ein Regierungsbündnis mit den Unionsparteien einging, das ausgerechnet von Kurt Georg Kiesinger geführt wurde. Enttäuscht wandten sich viele Jungwähler von der SPD ab, der Partei, von der sie die fällige politische Erneuerung Deutschlands ursprünglich erwartet hatten. Dass sich ihr Hoffnungsträger Willy Brandt nicht zu schade war, Außenminister des „Edel-Nazi-Kanzlers“ zu werden, konnten sie nicht nachvollziehen.

Neben der kontroversen Debatte über die NS-Vergangenheit und der Großen Ko-alition mag es weitere Gründe geben, weshalb sich die deutschen Studenten in den späten Sechzigern links der SPD konzentrierten. Offensichtlich bestand eine welt-weite Tendenz, aus repressiv empfundenen Gesellschaftssystemen auszubrechen, da die 1968 gipfelnde Revolte auch in anderen Ländern, etwa in Frankreich, in Italien oder in mehreren lateinamerikanischen Staaten, massiv um sich griff. Zeitgleich er-reichten die schwarze Bürgerrechtsbewegung und der Protest gegen den Vietnam-krieg in den USA ihren Höhepunkt. Die Auflehnung gegen die bestehenden Autori-täten war also global, ihr individuelles Profil schärfte sich jedoch abhängig von der jeweiligen Autorität. In Deutschland bestimmten sich die sozialistischen und subver-siven Strömungen als Außerparlamentarische Opposition (APO), weil sie ein Ge-gengewicht zur Koalition der beiden großen Volksparteien im Bundestag schaffen wollten. Ihre Sehnsüchte nach einer sozial gerechteren Gesellschaft projizierten sie in Länder wie Maos China oder Castros Cuba, deren kommunistische Machthaber noch unverbraucht und heroisch erschienen. Die USA jedenfalls hatten spätestens seit dem Beginn ihrer Intervention in Vietnam im Frühjahr 1965 ihren Status als bevorzugtes Modell für Freiheit und Selbstverwirklichung verloren.

Dieter Kunzelmann kommt um die Jahreswende 1966/67 nach Berlin und gründet die legendäre Kommune I. Vorher hat er in München gelebt und, in Zusammenarbeit mit der Künstlergruppe SPUR, Manifeste und andere Programmschriften erarbeitet. Die SPUR-Gründer, Maler wie Heimrad Prem und Helmut Sturm, hatten sich in den fünfziger Jahren erfolgreich an die zeitgenössischen Strömungen der internationalen Avantgarde angeschlossen. Ungeachtet ihrer Sympathien zu Asger Jorn und anderen Vertretern der Situationistischen Internationalen waren sie jedoch im wesentlichen dem abstrakten Expressionismus verhaftet geblieben, wie ihn Kandinsky oder Klee bereits in der ersten Hälfte des Jahrhunderts herausgebildet hatten. Kunzelmann hat-te diese zweckfreie Ästhetik nicht genügt. Ähnlich wie die Situationisten ging er von der Prämisse aus, dass alle Kunst das Ziel verfolgen müsse, direkt in die Realität hi-nein zu wirken.[11] Jetzt, als Kommunarde in Berlin, wendet er sich ganz der subver-siven Aktion zu. Seine spätere Prominenz unter den Protagonisten der 68er-Gene-ration verdankt er insbesondere dem „Pudding-Attentat“ auf US-Vizepräsident Hubert H. Humphrey. Zwar gelang es ihm und seinen Mitstreitern gar nicht, den amerikanischen Staatsgast mit Wurfgeschossen aus Milch und Backpulver zu schockieren, weil die Berliner Polizei den Streich rechtzeitig vereiteln konnte. Pein-lich nur, dass man die Presse voreilig informierte, Humphrey sei um Haaresbreite einem gefährlichen Sprengstoffattentat zum Opfer gefallen, was Bildzeitung und New York Times prompt druckten. So wurden Kunzelmann & Co. auf einen Schlag als notorische Krawallmacher berühmt – ein Ruf, dem gerecht zu werden sie sich in den darauffolgenden Monaten alle Mühe geben würden.

Das missglückte Pseudo-Attentat geschah am 5. April 1967, also noch vor den Schüssen auf Benno Ohnesorg und Rudi Dutschke, deretwegen sich die Stimmung innerhalb der Studentenbewegung verändern würde. Nach dem Anschlag auf Dutschke bildeten sich vermehrt Splittergruppen mit der Zielsetzung heraus, die staatliche Autorität mit anarchischen, eher individuellen als kollektiven Handlungen zu untergraben. Der SDS verlor seine Stellung als Zentralorgan der außerparlamen-tarischen Linken und brach auseinander. Offenbar betrachteten viele Achtundsech-ziger ihre politische Revolte als gescheitert und zogen sich in eine psychedelische Scheinwelt zurück, eine Tendenz, die sich in der Entwicklung der populären Musik und im steigenden Konsum halluzinogener Rauschmittel symptomatisch nieder-schlug.

Auch Kunzelmann glaubt an die bewusstseinserweiternde Wirkung von Ha-schisch und LSD, will die Kommune I jedoch nicht auf ihrem Weg in die „neue In-nerlichkeit“ begleiten. Inspiriert durch die Schriften von Che Guevara und dessen französischen Kampfgenossen Régis Debray beteiligt er sich an der Gründung der ersten Stadtguerilla von Berlin, einer bizarren Vereinigung, die sich Zentralrat der umherschweifenden Haschrebellen nennt. Eine der wichtigsten Figuren dieses losen Haufens ziellos durch West-Berlin vagabundierender Anarchos ist Michael „Bom-mi“ Baumann, der im Februar 1969 ein Signal gegen Vietnamkrieg und amerika-nischen Imperialismus zu setzen versucht, indem er während des Besuchs des neu-gewählten US-Präsidenten Nixon eine Brandbombe legt. Auch wenn sein Sprengsatz gar nicht explodiert, markiert die Tat doch wie keine zweite den Übergang vom politkünstlerischen Happening zum Terroranschlag.

Die Morgenröte des RAF-Terrorismus

Zwischen den Schüssen auf Ohnesorg und Dutschke, noch vor dem versuchten Bom-ben-Attentat des Haschrebellen Baumann, liegt eine ganz andere, sehr folgenreiche Aktion. Ausnahmsweise ist der Tatort nicht Berlin, ausnahmsweise ist kein hochran-giger Staatsgast betroffen: Die bereits erwähnte Gudrun Ensslin legt am 2. April 1968 mit ihrem Freund Andreas Baader und zwei weiteren Komplizen, Horst Söhn-lein und Thorwald Proll, Feuer in zwei Kaufhäusern in Frankfurt am Main. Einer der Mittäter, nämlich Söhnlein, entspricht erneut dem Profil des Avantgarde-Künstlers, der in den terroristischen Untergrund geht, weil er die Grenzen des Ästhetischen sprengen möchte. Söhnlein hatte das Münchner Ensemble Action-Theater ins Leben gerufen, das Rainer Werner Fassbinder in sein antitheater umwandeln würde.[12]Man könnte in diesem Kontext ergänzen, dass Gudrun Ensslin an zwei Kurzfilmprojekten mitwirkte, bevor sie ihre Gewaltbereitschaft entdeckte; dass ein weiteres Mitglied der ersten RAF-Generation, Holger Meins, ein bereits etablierter Filmemacher war.

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Der Rote Terror geht aus der Kunstszene hervor: In einem Kurzfilm propagiert Gud-run Ensslin 1967 freie Liebe und alternative Lebensformen.

Das Brandstifter-Quartett war schnell gefasst, alle vier wurden zu dreijähriger Gefängnishaft verurteilt, ohne dass das Gericht ihren politischen Motiven Gewicht beigemessen hätte. Als ihre Anwälte Revision beantragten, wurden sie vorüber-gehend auf freien Fuß gesetzt; als die Revision abgelehnt wurde, entzogen sich Baa-der und Ensslin der Strafe durch Flucht.

Warum ausgerechnet Kaufhäuser? Die Brandstiftungen waren kein Protest gegen die Konsumverfallenheit der Nachkriegsdeutschen zur Zeit des Wirtschaftswunders, in der die 68er-Generation aufgewachsen war. Vielmehr sollten die brennenden Ge-schäfte den Bundesbürgern das Leid der Napalm-Opfer im Vietnamkrieg vor Augen führen und sie aus ihrer Gleichgültigkeit herausreißen. Fritz Teufel und Rainer Langhans, Mitglieder der Kommune I wie Kunzelmann, hatten bereits im Mai 1967 Flugblätter veröffentlicht, die eine Feuerkatastrophe in einem Brüsseler Kaufhaus kommentierten. Da habe die westliche Gesellschaft einmal erlebt, heißt es darin sinngemäß, was die vietnamesische Bevölkerung tagtäglich erleben müsse.[13] Offenbar fühlte sich der 24jährige An-dreas Baader durch diese Flug-schriften zur Tat animiert.

 

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Die vier Brandstifter provozieren das Gericht:Proll, Söhnlein, Baader und Ensslin (von links).

Ver-mutlich sah der Schulabbrecher und wegen Verkehrsdelikten vor-bestrafte Outlaw darin die Chan-ce, in den Berliner APO-Kreisen Aufmerksamkeit und Anerken-nung zu erlangen.[14]Diese Rech-nung ging auf: Da die linksradi-kale Szene am Frankfurter Pro-zess regen Anteil nahm, konnten er und seine Mittäter die An-klagebank zur Happening-Bühne umfunktionieren. Sie verhöhnten das Gericht und rauchten Zigarren, die, so ulkte Baader, von Fidel Castro zum Zeichen der Solidari-tät geschickt worden seien. Das Wochenblatt Die Zeit tat die Brandstiftungen als „politisch so verzweifelte wie blinde Aktion“[15]ab; Baaders und Ensslins spätere Kampfgenossin Ulrike Meinhof indes, die den Prozess in der Zeitschrift konkret kommentierte, einem Sprachrohr der APO, konnte dem Terroranschlag ein „progres-sives Moment“ abgewinnen: „Das progressive Moment einer Warenhausbrand-stiftung liegt nicht in der Vernichtung der Waren, es liegt in der Kriminalität der Tat, im Gesetzesbruch.“[16]

Die Kaufhausbrände und Baumanns Blindgänger zu Nixons Begrüßung sollten die letzten Aktionen sein, denen man möglicherweise den Charme des Heiteren und Verspielten zugestehen kann. Anfang April 1970 wird der flüchtige Baader in Berlin erneut festgenommen, woraufhin Gudrun Ensslin gemeinsam mit Ulrike Meinhof eine spektakuläre „Raushole“ organisiert. Die geschickt eingefädelte Befreiung aus dem Deutschen Zentralinstitut für Soziale Fragen wird gemeinhin als Geburtsstunde der Baader/Meinhof-Gruppe bzw. der späteren RAF bezeichnet. Selbst diesem Coup haften noch ästhetische Züge an, indem etwa als Fluchtwagen ein schnittiger Alfa Romeo Giulia Sprint verwendet wurde – wie in einem Gangsterfilm.[17]

Hinzu kommt, dass Baaders Entlassung auf Bewährung bereits zwei Monate nach der Tat möglich gewesen wäre;[18] man hätte das Ende der Haft also abwarten können. Somit ist offen-sichtlich, dass auch diese Aktion nicht zuletzt wegen ihrer Signalwirkung durchge-führt wurde. Signal wofür? In dem Untergrundblatt agit 883 erscheint kurz darauf ein Aufruf an die Gesinnungsgenossen, allen Ausgebeuteten und Unterdrückten zu erklären, was die Befreiung zu bedeuten habe. Dies sei Folgendes: die „Rote Ar-mee“ befinde sich im Aufbau, das Ende der „Bullenherrschaft“ sei abzusehen, die Revolution stehe vor der Tür![19]

Doch verlieren die Stadtguerilleros bei dieser Aktion endgültig ihre Unschuld, weil einem Angestellten des Forschungsinstituts versehentlich eine schwere Schuss-verletzung zugefügt wird. Auch Todesopfer lassen nicht auf sich warten. Nachdem Andreas Baader und sein innerer Zirkel nach Jordanien gereist sind, um sich in einem palästinensischen Trainingscamp militärisch ausbilden zu lassen, begehen sie zunächst Bankraube und Autodieb-stähle. Der Guerillakampf will schließlich finanziert und logistisch bewältigt wer-den. Im Juli 1971 werden die RAF-Mit-glieder Werner Hoppe und Petra Schelm mit einem gestohlenen BMW an einer Straßensperre angehalten. Als sie sich der Festnahme mit Waffengewalt zu entzie-hen versuchen, wird die 20jährige Schelm erschossen. Eine ähnliche Situation führt etwa drei Monate später zum Tod des Po-lizeibeamten Norbert Schmid – getötet nach der Losung, die Ulrike Meinhof in einer ominösen Tonbandaufnahme ausgegeben hatte: „Wir sagen natürlich, die Bul-len sind Schweine, wir sagen, der Typ in Uniform ist ein Schwein, das ist kein Mensch. Er ist ein Soldat im Krieg zwischen den Imperialisten und uns. Und natür-lich darf geschossen werden.“[20]

 

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Keine leere Drohung: Schusswaffen wie die Maschinenpistole auf dem RAF-Stern kamen zum Einsatz.

„Schon wieder Blut und Tränen“ – der Refrain von Biermanns Lied auf Rudi Dutschke bewahrheitet sich also einmal mehr. Paradoxerweise ist gerade dies die Konsequenz aus dem Appell in den beiden Schlußstrophen, den die Mitglieder der Baader/Meinhof-Gruppe wörtlich nehmen, indem sie die staatliche Macht zerbre-chen wollen, ehe sie von dieser zerbrochen werden. Das fragliche Verspaar aus Bier-manns Text – im übrigen erinnert es stark an den Songtitel Macht kaputt, was euch kaputt macht der Politrocker Ton Steine Scherben – gewinnt in seiner Doppeldeutig-keit Konturen: Die zwei Zeilen rufen nicht nur zum Widerstand gegen Gewalt auf, sie sind selbst Aufruf zur Gewalt.

„das viertel wechseln, den pass, das gesicht“

Andere Waffen als seine Gedichte habe er nicht, soll Pablo Neruda zu den Schergen Pinochets gesagt haben, als sie sein Haus nach Waffen durchsuchen wollten. Dieser Ausspruch verdankt seine Originalität dem Gedanken, dass lyrische Texte zwar nicht unmittelbar in politisches Geschehen eingreifen können, aber menschliches Handeln vielleicht langfristig beeinflussen. In der deutschsprachigen Literatur nach 1945 hat die politische Lyrik ihren festen Platz. Sie tritt in klare Opposition zur hermetischen Sprachmagie eines Gottfried Benn, Paul Celan oder Ernst Meister, deren Selbstbe-zogenheit und Unzugänglichkeit sie ablehnt. Zugleich ist sie jedoch von starken in-neren Spannungen gekennzeichnet. Es ist nämlich sehr unterschiedlich, wie und in-wieweit sich politisch motivierte Lyriker auf das tagesaktuelle Geschehen einlassen wollen. So argumentiert Hans Magnus Enzensberger in einem Essay von 1962, dass Gedichte ihre soziale Bedeutung gerade deswegen hätten, weil sie sich jedem politi-schen Auftrag konsequent verweigerten. Indem sie von den bestehenden Machtver-hältnissen nicht korrumpiert werden könnten, bildeten sie gleichsam unantastbare Horte der Wahrheit: „Das Gedicht ist [...] durch sein bloßes Dasein subversiv. Es überführt, solange es nur anwesend ist, Regierungserklärung und Reklamegeschrei, Manifest und Transparent der Lüge.“[21]

Stellungnahmen zu aktuellen politischen Ereignissen und Abläufen nach Art von Biermanns Lied auf das Dutschke-Attentat werden von dieser Auffassung freilich ausgeschlossen. Doch versteigt sich der Lyriker Enzensberger nicht etwa zu dem pa-radoxen Schluss, gerade die Innerlichkeit der Naturmystiker und Hermetiker habe besonders subversives Potenzial. Seine Gedichte aus der zweiten Hälfte der fünf-ziger Jahre verbinden das Ästhetische mit dem Sozialen; sie sind nicht auf Tages-politik bezogen, aber durchaus auf Tagespolitik beziehbar. An dieser Stelle soll nicht erörtert werden, inwiefern zur 68er-Zeit persönliche Verbindungen zwischen Enzensberger und den Protagonisten der APO-Szene und Stadtguerilla bestanden. Es ist hier nicht von Bedeutung, dass sein Bruder zu den Gründungsmitgliedern der Kommune I zählte oder dass er die Zeitschrift Kursbuch im Berliner Wagenbach-Verlag herausgab, dem Verlag, mit dem auch Ulrike Meinhof zusammenarbeitete. Interessant ist hingegen die Frage, ob Enzensbergers Lyrik in irgendeiner Form dazu beiträgt, spätere Terrorakte zu legitimieren. Sein Gedicht mit dem Titel ins lesebuch für die oberstufe aus dem Jahr 1957 legt den Schluss nahe, dass dies so abwegig nicht ist:

    lies keine oden, mein sohn, lies die fahrpläne:
    sie sind genauer. roll die seekarten auf,
    eh es zu spät ist. sei wachsam, sing nicht.
    der tag kommt, wo sie wieder listen ans tor
    schlagen und malen den neinsagern auf die brust
    zinken. lern unerkannt gehn, lern mehr als ich:
    das viertel wechseln, den pass, das gesicht.
    versteh dich auf den kleinen verrat,
    die tägliche schmutzige rettung. nützlich
    sind die enzykliken zum feueranzünden,
    die manifeste: butter einzuwickeln und salz
    für die wehrlosen. wut und geduld sind nötig,
    in die lungen der macht zu blasen
    den feinen tödlichen staub, gemahlen
    von denen, die viel gelernt haben,
    die genau sind, von dir.[22]

Sieht man davon ab, dass die RAF-Mitglieder vermutlich niemals Butter oder Salz für Wehrlose in päpstliche Enzykliken oder welches Papier auch immer einwi-ckelten, taten sie doch alles andere in dem Text Erwähnte. Als der Tag gekommen war, an dem das Bundeskriminalamt „Listen ans Tor schlug“ – in Gestalt von Fahndungsplakaten mit den Fotos der gesuchten Terroristen –, entwickelten sie meisterhafte Fähigkeiten, „das Viertel, den Pass und das Gesicht zu wechseln“. So gelingt es der Baader/Meinhof-Gruppe, sich der Festnahme über zwei Jahre lang erfolgreich zu entziehen, indem sie geschickt von einem Bundesland in das nächste zieht. Die Exekutive der einzelnen Länder ist dadurch in ihrem Handeln einge-schränkt und kommt erst durch eine genau abgestimmte Offensive im Sommer 1972 zum Zug: Unabhängig voneinander können Baader, Ensslin und Meinhof innerhalb von fünfzehn Tagen verhaftet werden. Fotografien der Terroristen belegen darüber hinaus, dass sie ihr Äußeres stark veränderten, um die Ähnlichkeit mit den Abbildungen auf den Fahndungsplakaten zu vertuschen. Falsche Papiere legten sich Andreas Baader und Gudrun Ensslin bereits im Frühjahr 1970 zu, nachdem sie als verurteilte Kaufhaus-Brandstifter in den Untergrund abgetaucht waren. Sie nannten sich Peter Chenovitz und Dr. Gretel Weitermeier.

 

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links: Das erste Plakat, mit dem die Staatsanwaltschaft bundesweit nach den Mitgliedern der Baader/Meinhof-Gruppe fahnden lässt.

oben: Ulrike Meinhof vor und nach der Befreiung Andreas Baaders im Mai 1970.

 

Die Schlussverse rechtfertigen den politischen Mordanschlag explizit als Tat, der die „Wehrlosen“ vor der willkürlichen „Macht“ schützen kann. Vermutlich mag sich der heutige Leser durch den „feingemahlenen Staub“ eher an die amerika-nischen Anthrax-Attentate nach dem 11. September 2001 erinnern. „Tödlich“ waren allerdings auch die Schüsse und Bomben der RAF, zumal der zweiten Generation Mitte der siebziger Jahre, als die Terroristen eher Personen als polizeiliche und mili-tärische Einrichtungen ins Visier nahmen. Natürlich könnte man einwenden, dass Enzensberger bei der Niederschrift des Gedichts Mitte der fünfziger Jahre an den Widerstand gegen eine menschenverachtende Diktatur nach dem Modell des SS-Staates gedacht haben mag. Schon – aber der Text besagt dies nun einmal nicht. So, wie er faktisch geschrieben wurde, ließ und lässt er sich problemlos zugunsten der Guerilleros auslegen, die ihre Aktionen gegen den bundesdeutschen Verfassungs-staat richteten.

Wie später Biermann scheint Enzensberger die Ansicht zu verfechten, dass der Zweck die Mittel heilige, denn die staatliche Gewalt darf auch in seinem Gedicht durch revolutionäre Gewalt beseitigt werden. Sicher: Keiner der beiden Texte ent-hält den expliziten Aufruf, gezielt hochrangige Repräsentanten der Wirtschaft und Justiz zu töten, wie es nicht nur 1977 geschehen würde. Streng genommen ist bei Biermann gar nicht davon die Rede, dass man nach dem Mordversuch an Dutschke mit gleichen Mitteln zurückschlagen solle. Doch wie sonst stellte er sich die Ent-machtung eines Bundeskanzlers vor, den er als Nazi bezeichnete? Nazis, ob nun edle oder gewöhnliche, dürften das Feld schwerlich kampflos räumen. Dass Biermann und Enzensberger als führende politische Lyriker in Deutschland nicht bereit sind, jedwedes Morden von vornherein ausdrücklich zu verwerfen, ist schon als solches bemerkenswert. Darüber hinaus erklärt diese ambivalente Haltung zur Gewalt, inso-fern sie repräsentativ für viele Vertreter der 68er-Generation ist, wie aus der fried-lichen Protestbewegung der blutige Terrorismus entstehen konnte.

Sehr besonnen erscheint daneben Erich Frieds Gedicht Die Anfrage, das im auf-geheizten politischen Klima der siebziger Jahre dennoch erhebliche Kontroversen hervorrief. Dabei beurteilte der Autor durchaus nüchtern, wie der Zusammenprall von restaurativer Bundespolitik und studentischem Protest zu einer Spirale der Ge-walt eskalierte. Scharf kritisierte er die deutsche Justiz, weil sie APO-Aktivisten per Radikalenerlass aus dem Staatsdienst ausschloss, Tausende ehemalige National-sozialisten aber als Beamte akzeptierte. Überdies spielte er auf den Tod Ohnesorgs an, indem er ironisch von „Todesschüssen in Notwehr / auf unbewaffnete Linke“ sprach. Zugleich jedoch distanzierte er sich von den RAF-Terroristen als „eine[r] „handvoll empörte[r] Empörer“, denen der Sinn für die Realität abhanden gekom-men sei. Die erste Strophe ist hier zitiert:

    Mit Verleumdung und Unterdrückung
    und Kommunistenverbot
    und Todesschüssen in Notwehr
    auf unbewaffnete Linke
    gelang es den Herrschenden
    eine handvoll empörte Empörer
    Ulrike Meinhof
    Horst Mahler
    und einige mehr
    so weit zu treiben
    dass sie den Sinn verloren
    für das was in dieser Gesellschaft
    verwirklichbar ist[23]

Anmerkungen

[1] Das Quellenmaterial zu diesem Aufsatz stammt zum großen Teil aus online-Ressourcen. Der Live-Mitschnitt von Mossmanns Vortrag von Drei Kugeln auf Rudi Dutschke auf dem Waldeck-Festival von 1968 ist auf der Internet-Plattform youtube.com abrufbar:

http://www.youtube.com/watch?v=PKbGkvGzYCU (abgerufen am 2.10.2008).
Rechtmäßig kann die Aufnahme auf einer zehnteiligen CD-Veröffentlichung des Labels Bear Family Records mit der Katalognummer BCD 16017 JC erworben werden.

[2] zitiert nach CHAUSSY, Ulrich. Das Attentat auf Rudi Dutschke. In: Heiß und Kalt. Die Jahre 1945–69. Hrsg. von Eckhard Siepmann. Berlin: Elefanten Press, 1986, S. 586-590, S. 589.

[3] Der Jurist Kiesinger trat in den dreißiger Jahren keine Stellung im Staatsdienst an, offenbar, weil er dem NS-Regime ablehnend gegenüberstand. 1940 allerdings bemühte er sich erfolgreich um eine Position in einer Abteilung des Reichsaußenministeriums, die den ausländischen Rundfunk überwa-chen und beeinflussen sollte.

[4] Der Schriftsteller Uwe Timm befasst sich in dem Band Der Freund und der Fremde (Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2005) mit seiner Freundschaft zu Benno Ohnesorg Anfang der 60er Jahre. In einem kurzen Absatz charakterisiert er die Stimmung in der Protestbewegung nach den Vorfällen des 2. Juni 1967: „Empörung, Wut, Ratlosigkeit, dann eine gerichtete Wut, eine Wut auf die Staats-organe, auf die Polizei, auf den Regierenden Bürgermeister Albertz, auf die SPD, auf die Presse-sprecher der Behörden, die zunächst alles herunterredeten, dem Toten unterstellten, er habe den Zivilfahnder angegriffen. Eine gezielte Desinformation wurde verbreitet: Ein Polizist sei von einem Demonstranten mit einem Messer angegriffen und erstochen worden. Taxifahrer, die sich an der Verfolgung von Demonstranten beteiligten: Rübe runter. Radaubrüder. Rotes Gesindel.“ (S. 116/117).

[5] zitiert nach folgender Quelle: http://www.morgenpost.de/printarchiv/berlin/article202464/Berlin_2_Juni_1967_Um_20_30_Uhr _faellt_der_Schuss_der_Deutschland_veraendert.html (abgerufen am 28.9.2008).

[6] Das Bild und der dazugehörige Artikel können auf den Internet-Seiten des Spiegel als PDF herun-tergeladen werden:

http://wissen.spiegel.de/wissen/dokument/dokument.html?id=42928464&top=SPIEGEL (abgerufen am 28.9.2008).

[7] Diese letztere Information geht nicht aus dem Spiegel-Artikel hervor; ich entnehme sie vielmehr der Internet-Seite des amerikanischen Historikers Richard Huffman, baader-meinhof.com. Dort ist ein Kommentar zu der Aufnahme vom 3. Juni nachzulesen:

http://www.baader-meinhof.com/timeline/1967.html (abgerufen am 16.9.2008).

[8] Vgl. BEIER, Brigitte u.a. (Hrsg.) Chronik der Deutschen. 5. Auflage, Gütersloh / München: Bertelsmann, 1995, S. 1032.

[9] Denn dieses zeitgeschichtliche Phänomen ist hinreichend aufgearbeitet worden. Neben der bekann-testen Buchveröffentlichung zum Thema, Der Baader Meinhof Komplex von Stefan Aust (Hamburg: Hoffmann & Campe, 2005 [zuerst 1985]), sind weitere nennenswerte Monographien erschienen: KOENEN, Gerd. Das rote Jahrzehnt. Unsere kleine deutsche Kulturrevolution 1967–1977. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2001; KRAUSHAAR, Wolfgang (Hrsg.). Die RAF und der linke Terro-rismus. 2 Bände, Hamburg: Edition Hamburg, 2006; WINKLER, Willi. Die Geschichte der RAF. Berlin: Rowohlt, 2005; u.a.

[10] Uwe Timm schildert in Der Freund und der Fremde das politische Klima im Deutschland der sechziger Jahre, in dem die jüngere Nazi-Generation in führende Stellungen aufrückte. Die Eltern der Achtundsechziger hatten die Hitler-Diktatur und den Zweiten Weltkrieg als junge Erwachsene erlebt. Häufig bekannten sie sich offener zu ihrer braunen Vergangenheit als die „geschlagenen“ Äl-teren, die den SS-Staat eigentlich aufgebaut hatten. Timm erörtert am Beispiel der Ernennung eines ehemaligen NS-Juristen zum Generalbundesanwalt: „Dieser Wolfgang Fränkel erschien geradezu beispielhaft für die Situation der Bundesrepublik, in der – ein Geburtsfehler bei der Gründung – belastete Beamte übernommen worden waren. Entweder wurde die Täterschaft verschwiegen oder aber, wie bei dem Staatssekretär Globke, der die Kommentare zu den Nürnberger Rassegesetzen ge-schrieben hatte, billigend in Kauf genommen.“ (TIMM 2005, S. 88).

[11] Peter Bürger definierte Avantgarde als Auflösung der Kunst in der Lebenspraxis. Nicht umsonst entstand sein Werk Theorie der Avantgarde zu Beginn der siebziger Jahre und wurde nach seinem Erscheinen viel beachtet. Vgl. BÜRGER, Peter. Theorie der Avantgarde. Frankfurt am Main: Suhr-kamp, 1974.

[12] Die Verbindung von linkem Terror und alternativem Theater reflektiert die folgende Textpassage aus der Fassbinder-Biografie von Kurt Raab. Es handelt sich um einen Auszug aus dem Protokoll eines Gesprächs, das Raab, ein langjähriger Weggefährte Fassbinders, mit dem Musiker Peter „Willi“ Rabenbauer führte.
„Willi: Mai ’68 war’s.
Kurt: In der Zeit waren schon immer abends der Andreas Baader und der Pröll im Theater. Es wurde eigentlich gar nicht geflüstert, die saßen da ganz offen und verkündeten ihre Parolen.
Willi: Thorwald Proll hieß der.
Kurt: Heute würde man wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung belangt werden, aber ’68 war das gang und gäbe. Es hat ja auch damals niemand geglaubt, daß die wirklich was tun wür-den. „Zündet Kaufhäuser an!“, das war ein Slogan damals. Aber man hat sie nicht ernst genommen. Und eines Morgens war unser Action-Theater total zerstört. Es war eine ganz bewußte, absichtliche und symbolische Tat von dem Horst Söhnlein. [...] Er wollte mit dem Theater Schluß machen. Er ist dann am nächsten Morgen mit seinem VW losgefahren, mit Baader, dem Proll und der Ensslin, nach Frankfurt, und da haben sie die Kaufhäuser angezündet.“

(RAAB, Kurt / PETERS, Karsten. Die Sehnsucht des Rainer Werner Fassbinder. München: Bertels-mann, 1982, S. 108).

[13] Das groteske Pamphlet mit dem Titel Warum brennst du, Konsument? trieft geradezu von Ironie: „Ein brennendes Kaufhaus mit brennenden Menschen vermittelte zum erstenmal in einer euro-päischen Grossstadt jenes knisternde Vietnamgefühl (dabeizusein und mitzubrennen), das wir in Berlin bislang noch missen müssen. Skeptiker mögen davor warnen, ›König Kunde‹, den Konsu-menten, den in unserer Gesellschaft so eindeutig Bevorzugten und Umworbenen, einfach zu ver-brennen.“
Der Text ist nachzulesen unter

http://www.historicum.net/typo3temp/pics/4682d61f15.jpg (abgerufen am 15.9.2008).

[14] Man könnte zynisch behaupten, dass Baader alle Voraussetzungen erfüllte, um in Berlin zur Füh-rergestalt zu avancieren: Im öffentlichen Bildungssystem war er gescheitert, in seinem angeblichen Beruf als Journalist hatte er keine Erfolge, er kam aus München ... In jedem Fall gelang es dem cha-rismatischen Beau, der bereits 1962 bei den legendären Schwabinger Krawallen mitgeschlägert hatte, die drei Jahre ältere Ensslin und andere enttäuschte 68er-Revolutionäre in seinen Bann zu zie-hen.

[15] Auf Zeit online ist Uwe Nettelbecks Artikel vom 8. November 1968 publiziert:

http://nurtext.zeit.de/2006/09/II__1968_45_nettelbeck_prozess?page=1 (abgerufen am 16.9.2008).

[17] „Quite a stupid car“, äußert Astrid Proll, Beteiligte an der Befreiungsaktion und späteres RAF-Mitglied, in einem englischsprachigen Interview, das in die BBC-Dokumentation In Love with Ter-ror aufgenommen wurde. Es habe viel zu lang gedauert, bis sich alle Flüchtigen in den engen Wa-gen gequetscht hätten.

Vgl. http://www.youtube.com/watch?v=c29JCB1MLA4 (abgerufen am 4.10.2008).

[18] Vgl. BEIER, Brigitte u.a. (Hrsg.). Chronik der Deutschen. Hrsg. 5. Auflage, Gütersloh / München: Bertelsmann, 1995, S. 1050.

[19] Vgl. HOFFMANN, Martin (Hrsg.). Rote Armee Fraktion. Texte und Materialien zur Geschichte der RAF. Berlin: ID-Verlag, 1997, S. 24. „Die Baader-Befreiungs-Akton haben wir nicht den intel-lektuellen Schwätzern, den Hosenscheißern, den Alles-besser-Wissern zu erklären, sondern den potentiell revolutionären Teilen des Volkes. Das heißt, denen, die die Tat sofort begreifen können, weil sie selbst Gefangene sind. [...] Die es satt haben!“

[20] Ich zitiere diesen Text nach folgendem Artikel aus der Hessisch-Niedersächsischen Allgemeinen:

http://www.scribd.com/doc/2522929/HNASpezial-Der-deutsche-Herbst-1977#document_metadata (abgerufen am 30.9.2008).

[21] ENZENSBERGER, Hans Magnus. Poesie und Politik. In: Deutsche Literatur seit 1945. Hrsg. von Volker Bohn. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1993, S. 177-179, S. 178.

[22] ENZENSBERGER, Hans Magnus. Verteidigung der Wölfe, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1957, S. 85.

[23] FRIED, Erich. Gesammelte Werke in vier Bänden. Hrsg. von Volker Kaukoreit und Klaus Wagen-bach, Berlin: Klaus Wagenbach, 1993. Band 3 (Gedichte 2), S. 260.


possui graduação em Línguas e Literaturas Latinas / Germanística pela Ludwig Maximilian Universität München (1995) , mestrado em Línguas e Literaturas Latinas / Germanística pela Ludwig Maximilian Universität München (1999) e doutorado em Línguas e Literaturas Latinas e Germanística pela Ludwig Maximilian Universität München (2004) . Atualmente é professor de língua e literatura alemã da Universidade Federal do Rio Grande do Sul e Consulta e organização da Deutscher Akademischer Austauschdienst.


Curriculo Lattes


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ISSN:1980-7589