Pellizzari

     

    Redewendung [1]

     

    Wir, etwas bedeuten? – Samuel Beckett, Endspiel

     

    recebido em 01/09/2010 e aceito em 11/09/2010


     

    Es war einmal eine Frau, die gerade in die Wechseljahre gekommen war, und in einem Haus mit Dachboden wohnte. Sie hieß Maribel, war klein und kurzsichtig. Sie war stolz darauf, keine Kindern zu haben, aber an sonnigen Tagen fehlte ihr ein Ehemann, obwohl sie sieben Katzen sammelte. An einem Aschermittwoch, der entsprechend sonnig war, beschloss sie, diese Lücke mit einem kompletten Hausputz in jedem Raum zu umgehen. Als sie, von den Katzen begleitet, auf den Dachboden kam, begann sie, alle Kartons und Truhen und Kleiderbügel und angehäufte Sachen durchzuwühlen, was der Kolonie von schläfrigen Milben, die dieses Gebiet besetzt hielten, zu einem äusserst intensiven Augenblick verhalf. Während sie die größte der Truhen öffnete und ein Paar Stiefel fand, die sie gekauft hatte, als sie achtzehn Jahre alt war, wurde sie um ein paar Jahrzehnte jünger. Es waren rote, sehr lange Lederstiefel mit riesigen Sohlen. Diese hatte sie das letzte Mal an dem Tag getragen, als sie mit ihrem damaligen Freund Francisco, ein Mann mit schmalem Lächeln, flüssigem Haar und keiner Spur Treue, Schluss gemacht hatte. Sie nahm die Stiefel unter die Achsel und wühlte weiter durch die Truhe, bis sie ihre cremefarbene Samtjacke sah. Als sie ihre Hand ausstreckte, um die Jacke an sich zu nehmen, erschrak sie vor einer Spinne, die wankend aus der Tiefe der Truhe kam und sie mit den beiden vorderen, angehobenen Beinen anstarrte. Unerbittlich nahm unsere Heldin das Paar Stiefel aus der jungfräulichen Achselhöhle und schlug die riesigen Sohlen aneinander, wobei sie die Spinne treffsicher am Fluchtpunkt der beiden Stiefel hielt. So beendete Maria do Socorro – dies war ihr Taufname – die staubige Existenz der Spinne. Zur gleichen Zeit brachen ihre sieben Katzen um sie herum zusammen, nun endgültig verschieden.

    In der folgenden Woche verstarb die grösste Klatschbase der Nachbarschaft und von diesem Zeitpunkt an wurde Maribel abhängig von der Macht, alles Lebende um sie herum mit einem bloßen Stiefelschlag zu vernichten. Auf diese Weise starben zwei Mormonen-Missionare, ein Gebühreneintreiber, drei Männer, die sie abgewiesen hatten, ein Schiedsrichter (sie mochte den bretonischen Sport) und irrtümlich ein rundlicher Pfadfinder, der an ihre Tür klopfte, um ihr ein Los und Butterkekse zu verkaufen. Der uniformierte Knabe brach plötzlich rund wie ein Sack vor ihre Türschwelle zusammen, als wäre er ein Korb voller Gemüse. Dort lag er, bis seine Kameraden von der Patrouille kamen, darunter einige Wölflinge und der Pfadfinderführer, der seine verschwitzte Glatze schüttelte, während er murmelte Die Familie hatte mich ja gewarnt, dass er nicht ganz gesund sei, aber ich dachte wirklich, es wäre nur Asthma. Als der Wagen des rechtsmedizinischen Instituts an der Straßenecke verschwand, begann Maribel, sich entspannt der Melancholie hinzugeben, in wachsender Reue über ihre Fülle an Vernichtungen. An einem Sonntagmorgen beschloss sie, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Sorgfältig zog sie die Stiefel an und mit einem Anflug von Glück auf dem Gesicht schlug sie beide gegeneinander. Alles um sie herum verschwand in der Zeit zwischen zwei Gedanken, sie blieb aber lebendig, für immer verloren in einem Limbus ohne Oben und Unten, Vorne und Hinten, Licht oder Schatten.

     

     

    Nota

    [1] PELLIZZARI, Daniel. Ana. In: ____. O Livro das cousas que acontecem. Porto Alegre: Livros do Mal, 2002, p. 31-37. 

    Universidade Federal do Rio Grande do Sul, Instituto de Letras, Avenida Bento Gonçalves, 9500. CEP 91540-000 Porto Alegre, RS, Brasil. Fax: 0055 51 3308 7303; Teefone: 0055 51 3308 6696; E-mail: michael.korfmann@ufrgs.br, mauni.oliveira@gmail.com e margit.neumann@gmail.com



Contingentia está indexada nas seguintes bases:

ISSN:1980-7589